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Spurensuche nach einem fast vergessenen Dichter

 

bild erste seitebild spruch
Auf der ersten Seite der BILD-Zeitung findet man in der linken Ecke mitunter einen sinnigen Kalenderspruch.Am 20. Juli 2015 formuliert Hermann Claudius den Spruch des Tages. Die Echtheit des Zitats kann auch vom Autor dieser Seite leider nicht überprüft werden. 

 

  

jungfernstieg

    Bei den Bauarbeiten der Hamburger U-Bahn in den 30er Jahren stieß man auf die Überreste eines um 1250 erbauten Stauwehrs des Alstermühlendamms, wie dieser Vorläufer des Jungfernstiegs einst hieß. Einer der damals freigelegten Eichenpfähle steht als Bildsäule auf dem Bahnsteig der U 1, vom Bildhauer Richard Luksch als Gruppe von sieben Jungfern gestaltet, mit einem plattdeutschen Vers von Hermann Claudius.

 

Claudius berichtet von dieser Begegnung mit dem Künstler.

„Der uralte Eichenpfahl, der uns beide vereint hat, stand um das Jahr 1200 am alten Alsterufer des damaligen stadtwinkeligen Hamburg. Man fand ihn nebst anderen seines Schlages, als der Tunnel für die Untergrundbahn gegraben wurde. Er mochte nach Meinung des Tiefbauamtes oder weiß Gott welcher Behörde zu Nutz und Frommen der Bildhauer der Kunstgewerbeschule dienen. Der alternde Professor Richard Luksch ging daran und schuf sieben Frauengestalten, entsprechend den sieben Jahrhunderten seit 1200, und damit das Werk, das bleiben und von ihm als Bildhauer zeugen wird. Denn hier fand er zu seiner eigenen Art zurück, frei vom Zufall des Zeitgeistes. Mir aber ward übertragen, einen Spruch zu schreiben, der dem Inhalt der bildhauerischen Arbeit entspräche. 'Man' wählte von den sieben von mir eingesandten Worten das mäßigste, nämlich

De Jahrhunnert de sünd söwen.
Jungfern sünd de sülwen blewen.
Un ick ole eeken Pahl
stah hier op dat sülwe Mal.

und ließ es in den Eekenphahl schneiden, ohne meinen Namen darunter zu setzen.“

(In: Skizzenbuch meiner Begegnungen, 1963)

 

Das hat sich inzwischen geändert. Eine Tafel erinnert mit dem Vers auch an dessen Dichter:

tafel jungfern

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur Sendereihe "Ich trage einen großen Namen" wurde am 29.4.1989 Gisela Claudius eingeladen. Zu erraten war der große Name Matthias Claudius, im Gespräch erzählte sie aber Anekdoten aus dem Leben ihres Mannes Hermann.

 

Der Hermann-Claudius-Weg in Hemer-Stübecken, Nordrhein-Westfalen

hemer

 

Die Hermann-Claudius-Schule in Marl schließt im Jahr 2016: Hauptschulen werden nicht mehr gebraucht.

marl

 

lockstedt

 

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Auf einem Findling der
Gedenkstätte Hohenlockstedt
in Schleswig Holstein liest man
die (geänderte) erste Strophe
eines Gedichts von Hermann
Claudius:

Es wandeln sich die Reiche.
Es wandelt sich die Welt.
Doch Gott, der bleibt der gleiche,
der sie in Händen hält.

lockstedt

Fotos: Ulf Evers

wandeln

Das Gedicht wurde 1942 publiziert.

Es ist von einem Motiv geprägt,
das man in weiteren Gedichten
aus dieser Zeit wiederfindet.
Der fromme Christ Claudius stellt sich in die lange Tradition
der politischen Paränese und erinnert daran, dass über
dem "Reich" das Reich Gottes
steht.

Die staatstreue Zeitschrift
"Der getreue Eckart" scheint
diese leise Mahnung nicht
gehört zu haben und druckt
das Gedicht in ihrer Ausgabe
vom Januar 1942 (S. 16).

Ein Soldatenfriedhof ist so
ein geeeigneter Ort zu zeigen,
dass auch ein "1000-jähriges-
Reich" endlich und verloren ist.