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Eine kleine Auswahl aus dem lyrischen Werk

 

Masken

Wie das geschehen mag:
wir tragen Masken am
hellen Tag
papierenfein.
Die halten unser
Menschsein
lächelnd gefangen.
Einer kann nicht zum
andern gelangen.
Zwischen Mensch und
Menschsein
lächelnd die Masken
papierenfein.

Fierawend in' Haben

Wedder’n Damper! Wedder’n Troß:
Luter Lüüd vun Blohm un Voß!

Swaar swaar, swatt in't Gesich’
stampt dat över de Lannungsbrüch.

Wecke hebbt Iel un drängelt sik vör
De Kaffeetänk klötert achter jem her.

Weck, de smökt en Piep Toback,
maakt mankdör en lütten Snack:

„Kuddl! Hein! Bi Teetje Smidt
dar nehmt wi noch en Lütten mit!“

Baven kickt de Avendsünn
in de lesten Finstern rin.

Ünnen ut dat Water stiggt
hier en Lücht – dar en Lücht.

Rook un Dunst un Suus un Bruus ...
All na Huus! – Na Hus! –

aus: Mank Muern (1912)

gelesen von Ivo Braak: anhören 

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                         De Fabrikschossteen

                          Ick bün de Baas! Min Buuk is rund!
                          Un miene Lung’n, de sünd gesund!

                           Ha! Wat de Heven kann, kann'k ok:
                           as Wulken treckt mien swatte Rook!

                            Ick kiek ümher un stah un paff.
                            Un all de annern rackt sik af

                            un böört un sleept un sweet sik möör.
                            Ik fleit: un all’ns löppt to mi her!

                            Ik tuut: un allens löppt torüch,
                            Un jümmer bleker in't Gesich’,

                             so witt, so bleek.
Mi is to Moot:
                             as drünk ik jem ehr rodes Bloot.

                             Maakt nix! Dat smeckt mi goot!


Radio

Wo geit dat bloß an:
Vadder hett en Kasten kofft,
de snacken kann.

He steit op’t Schapp,
as en anner ok.
Vadder makt: tipp!
Un denn as nich klok
speelt das mitnmol Vigelin un Fleit,
as weer dat man so ut de Luft herweiht.
Un denn snakt een. Un denn snackt twee.
Un denn ward dat en grote Snackeree.

Mal snackt en Mann. Mal snackt en Fro.
Un ümmer heet se: Radio!

Un awends, wenn ick slapen schall,
denn makt se richdig erst Krawall
mit Brummbaß, Trummel und Trumpett.
Denn speelt se rein as üm de Wett
man ümmerto - man ümmerto!
För Vadder hewwt se Angst! Jo - jo!
He drückt mal eben op den Knop:
Gliks holt se op.

aus: Hamborger Kinnerbok (1940)

De Klink 

 

De Klink, de Klink, de blanke Klink
vun Bäcker Bruhn sin Dör,
de lücht ut Tweejahrskinnertid
bet hüt noch to mi her.

Ick tippeltappel ut uns Poort
den Weg de Muer lank,
min Ogen jümmer na de Klink,
de Klink, de Klink so blank.

Ick reck mi denn un streck mi denn
un kreeg ehr richtig fat.
Wat lach ick denn, wat schrach ick denn,
wat weer ick denn en Maat!

Ick kreeg den Kringel in min Hann.
"Holl wiß!" sä Mudder Bruhn.
Un tippeltappel mi torüch
de Mur lank dörch den Tun.

Weet nich, wo grot de Kringel weer,
weet nich, wo söt he smeck;
man blots de Klink, de blanke Klink
de lücht noch üm de Eck.

aus: Mank Muern (1912)

meiner tochter

Faksimile der Erstausgabe

Meiner Tochter

Wenn du die Welt wie eine Knospe siehst,
laß sie dir von den Klugen nicht zerpflücken.
Ob dir das große Wunder draus entsprießt,
ob dir's entgleiten mag im Niederbücken:

das alles ruht in deines Wesens Sinn.
Und Gott, der Herr, der wohnt in allen Dingen.
Geh deine Straße nur gelassen hin.
Du gehst für dich, ob tausend sie schon gingen.

 aus: Heimkehr (1925)

Wohin wir immer wandern

Wohin wir immer wandern ‑
zu Roß, zu Schiff, im Schritt:
von einem Ort zum andern
wir nehmen uns selber mit.

Und jeder Ort wird schuldig.
Und jeder wird zur Qual.
Die Erde ist geduldig
und trägt es tausendmal.

Wir möchten es ergründen
und sinnen tief und schwer.
Doch ehe wir es finden,
da sind wir schon nicht mehr.

Was also willst du eilen?
Ein jeder Ort bist du.
So lern es, zu verweilen.
Und kehr dir selber zu.

aus: Hans Grimm: Meine schönsten Claudius-Gedichte (1933)

Herbstabend

Ungestüm hasten
die Wolken.
In den herbstlichen
Bäumen hängt
müde der Mond.

Um deine Schritte
raschelt das
dürre Laub.
Siehe, der Mond
verlosch! Dunkel
ist um dich.

Wohin denn willst du?
Was treibt dich eilend?
Wahrlich, ich sage dir:
Schreite behutsam!

Immer an Gräbern
wandern wir hin.
Auf frischgeworfenen
Hügeln
welken die Blumen.

Wecke die Toten nicht!
Sie stellen die große
Frage an dich.
Du bist
ohne Antwort.

aus: Zuhause (1940)

Einsames Lied

Wir waren zwei Vögel
in einem Baum.
Wir waren zwei Seelen
in einem Traum.

Nun sind wir verflogen,
fliegt jedes für sich
und sucht nach dem andern.
Du mich und ich dich.

aus: Lieder der Unruh (1920)

sünn lütt

Sunn lütt Gedicht

De Wind de weiht. De Tid de geit.
Wat wullt du denn, min lütt Gedicht?
Wat kickst' mi an mit still Gesicht?
De Tid de geiht. De Wind de weiht.

Wolang, denn bün ick wull nich mehr.
Min lütt Gedicht, du büst alleen.
Kannst mi nich mehr int Og rinsehn.
Verjag di nich un wohr din Klör.

Hör to, min Seel de bliwwt bi di.
Se wahn in di. Du weerst ehr Hus.
Un wat de Tid dar buten brus.
Du wohrst din egen Melodie.

Wat is se denn, de dütsche Seel?
En stillen vullen sekern Klank.
Min lütt Gedicht, gah du man lank
un doh din Deel - - un doh din Deel!

Kik gau nochmal mi int Gesicht - -
Jaja - - da weeren wi, wi beid'.
De Tid de geit. De Wind de weiht.
Un nu lew woll, min lütt Gedicht.

Okt. 1938 HermClaudius

in: Mitteilungen aus dem Quickborn.
Hamburg 1938. 32.Jg Nr.1/2. S. 8

Die "Apfelkantate" ist ein passendes Beispiel für die Nähe von Hermann Claudius zu seinem Urgroßvater Matthias in ihrer Naturverbundenheit. Machen Sie den Test und googlen Sie die "Apfelkantate": In den meisten Fällen wird das Gedicht Matthias Claudius zugeschrieben, gedichtet hat es aber Hermann und veröffentlicht in dem Band "Jeden Morgen geht die Sonne auf" im Jahr 1938.
1953, in dem Band "Zehn Gedichte und wie sie wurden" erklärt der Autor die Entstehungsgeschichte des Textes. Er ergänzt hier die vierte Stophe, die nicht in der Erstveröffentlichung enthalten war, "weil ich sie selber wieder vergessen hatte, als das Buch in den Druck ging". Sie lautet so:

 

Und haben Backen rund und rot
und hängen da und nicken.
Und sind das lichte Himmelsbrot.
Wir haben unsere liebe Not,
dass wir sie alle pflücken.

 

apfelkantate