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Gedichte  logo groß

  • aus Zeitungen und Zeitschriften, die nicht in den Werken erschienen sind,
  • aus Manuskripten, bisher unveröffentlicht,
  • chronologisch sortiert

 

1956 


Das Kaffeemühlen-Sonett
(Der „Kaffeepost“ gewidmet)

Von Hermann Claudius

In dieses Sommertages später Schwüle,
nachdem ich mich vom Mittagsschlaf erhoben,
da schreibe ich - ich muß sie einmal loben -
ja: ein Sonett auf meine Kaffeemühle.

Ich schreibe es aus herzlichem Gefühle.
Wieviel ist in den Jahren doch zerstoben.
Sie aber - mochten wir sie täglich proben -
sie hielt sich oben in dem All-Gewühle.

Denn keine Mühle mahlt so fein wie sie
und läßt den Duft der Bohnen würzig steigen.
Das ist nur meiner Kaffeemühle eigen.

Und eine andere benutz ich nie.
Doch will ich nun nicht länger mit dir prahlen.
Zwei Lot vom Besten! Laß uns mahlen, mahlen!

In:  Die Kaffee-Post.  Hamburg. H.46  S. 9  vom 17.11.1956




Der Mensch

Was willst du dich ereifern?
Die Welt geht ihren Gang.
Das Spötteln und Begeifern
hat keinen guten Klang.

Die Bäume stehen stille.
Marienblümchen blühn.
Es läßt des Himmels Wille
die weißen Wolken ziehn.

Ich neige mich zur Quelle
bis nieder an den Rand
und schöpfe ihrer Helle
mit meiner hohen Hand.

Es kommt ein Echslein zage
und sonnt sich auf dem Stein
und ist wie eine Frage.
Und ich müßt Antwort sein.

Sie regt sich in mir leise.
Ich wandre weiter fort,
auf seiner Erdenreise
der Mensch mit seinem Wort.

In:  DIE HOREN  7/1956
     und 6/1958  S.7




Von unserem Apfelbaum

Unser Apfelbaum hängt apfelschwer,
kinderbackenrot im dichten Laube.
Und ich zögere, daß ich ihn beraube.
Er erfreut mich jeden Morgen neu.

Wann ich vor des Tages langen Mühn
durch den Garten geh und ihn betrachte
und der Rosen auf den Beeten achte,
wie die letzten sich noch mühn zu blühn.

Doch: „Horatio, Wirtschaft!“ Dies ist not.
Und wir werden in die Körbe pflücken
und uns nach den Hasenköpfen bücken,
die ins Gras uns rollten rund und rot.

Ja, mein lieber Baum, du stehst nun leer,
mußte deiner Schöne dich berauben.
Doch in deinem Holze lebt der Glauben.
Und in jedem Jahre trägst du mehr.

In:  Deutsches Volksblatt. Nr.221  vom 22.9.1956




Chrysanthemen

Verspätete Chrysanthemen,
tief-bronze-rot,
Blüte noch neben Blüte,
als sei der Sommer nicht tot.

Nur zögernd aufgeschlossen
in dichtem Kranz,
und um die Blüten metallisch
ein herber Glanz.

Ich wag euch nicht zu pflücken.
Bleibt, wo ihr seid.
In euren Wurzeln wartet
schon Frühlingszeit.

In:  (Zeitungsausschnitt)
     206.J  Nr.279  S.7  vom 29.11.1956



Vor Weihnachten

Träume, träum in das Licht,
gläubig der frommen Legende.
Nimmer nimmt sie ein Ende;
immer ein Engel spricht.

Immer ein Engel neigt
nieder zu uns, die wir irrten,
sich wie einst zu den Hirten.
Und sein Finger der zeigt.

Und wie immer auch heut
liegen viel Herzen ihm offen,
voll von Harren und Hoffen
auf die gottselige Zeit.

In:  Schwäbische Post, Aalen. Nr.48  vom 1.12.1956





De Arntfier.

I.

Dat Korn, dat Korn,
ahn Korn weern wi verlor'n.
Dat Korn dat gifft us Brot
un stüert alle Not.

De Eer, de Eer,
dor kummt dat allens her.
De Plöger un sien Plog,
de sünd us nödig nog.

För Regen un Sünnenschien
willt wi nu dankbar sien!
Wat help us Plog un Eer,
wenn nich us Herrgott weer.


II.

Uns Wark is swör
wull Dag um Dag.
Dat makt uns mör,
man sachen, sacht!

Dor is in us
een anner Deel,
dat is uns Hart,
dat is uns Seel. -
Un de will ok ehr Deel.

De Seel, de Seel,
de richt't sick op.
Se is wat höger
as de Kopp -
Se is wat klöker
as de Kopp.

De Herrgottswind,
de um uns weiht,
sin Aten ut de
Ewigkeit.


III.a

Een, twee, dree, veer: Dreih di!
Wull wi hebbt uns mögt.
Een, twee, dree, veer: frei di!
Wat sünd wi vergnögt.

Um mi rüm un ick um di
na de moje Melodie.
Um mi rüm un ick um di
na de Melodie.

Een, twee, dree, veer: Höger!
Höger mit den Swung.
Een, twee, dree, veer: Höger!
Ran wi sind noch jung.

Um mi rüm un ick um di
ümmer jümmer beter bi
Um mi rüm un ick um di
jümmer beter bi.

III.b

Männer:
Fiken, kumm mit achtern Busch.
De Busch de steiht so grön.
Fiken, kumm mit achtern Busch.
Dor lett dat wunnerschön.

Mädchen:
Luten, ach, wat ick di bidd:
swieg doch still, sünst mutt ick mit.

Männer:
Fiken, kumm mit achtern Busch.
De Busch de weet Bescheed.
Fiken, kumm mit achtern Busch.
Dor sing ick di mien Leed.

Mädchen:
Luten, ach, wat ick di bidd:
swieg doch still, sünst mutt ick mit.

Männer:
Fiken, kumm mit achtern Busch.
In'n Harwst, denn steiht he geel.
Fiken, kumm mit achtern Busch.
Dat Läwen is man'n Speel.

Mädchen:
Luten, ach, wat ick di bidd:
swieg blots still. Ick gah all mit!

IV.

Op'n Buernhoff dat schall woll ween,
kummt de Fierabend heel von alleen
Is dat Dagwark ut, sünd wi mööd,
sackt de Hann'n us dal un de Fööt.

Op'n Hoff op de Bank ünnern Boom
is dat still so as weer't all in'n Droom.
Ut de Bläder dor ruschelt dat sach,
und de Maan kummt un seggt uns: Go'Nacht.

Un so löppt uns dat Lewen sick rund,
lett an Lief un Seel uns gesund.
Op'n Buernhoff, dat schall woll ween,
sünd noch Arbeit und Fierawend een.

V.

De Hoff, de is mien eegen,
de Koppeln ok ümher.
Bi Sünnschien un bi Regen.
Wat hett de König mehr?

As he mutt he regeeren,
de Buer un dat is not,
He brukt dat nich to lehren.
Dat liggt em all in't Bloot.

Geslechter na Geslechter
vergaat. De Hoff de steiht.
De Buer is blots Wächter,
solang he lewen deiht.

Bewahr uns Gott in Gnaden
as all' de Tieden lang
för Für un Schimp un Schaden.
Wi seggt em Loff un Dank.

Text von Hermann Claudius. Musik von Volker Gwinner für Solo, 3stgGCh, Clar, 2 V, Akk u Ktb - Mspt - Radio Bremen 19.9.1956. Sendung am Erntedanktag 30.9.1956




Beim Erwachen

Halb im Schlaf noch, recke ich die Glieder.
Durch des blauen Vorhangs schmale Spalte
äugt die Sonne.
Doch kein Uhrschlag drängt mich.
Und so schließ ich wieder meine Augen,
fühle meinen Körper ruhn, den klugen
Kopf insonderlich auf weichem Kissen.
Auf die weiche Decke hingebreitet
schlafen meine Hände für sich selber.
Meine Füße, diese armen Sünder,
die den langen Tag mich schleppen müssen,
ruhen nun, als hätten sie's vergessen,
decken-eingekuschelt wie zwei Vöglein.
Lächelnd laß ich sie und gönn es ihnen.
Du mein Herz, mein Herz! In losem Takte
singst du vor dich hin, als sei ich wieder
jenes Kind, das Mutter in den Schlaf sang.
Wohl, ich weiß und will es gar nicht wissen,
jedes Klopfen hebt durch hundert Adern
schweren Blutes Strom ein Meter achtzig
hoch und läßt ihn fallen, hebt ihn wieder
Tag für Tag durch Stunden und Sekunden
Hub um Hub durch über siebzig Jahre.
Liebes Herz, es ist wohl arge Mühe.
Spare dich ein wenig nun, ein wenig.
Einmal stehst du still. Ich werde ruhen
anders dann als heut und nicht erwachen.
Nicht erwachen! Wie es mich durchschauert.
Ewigkeit? Wer hat das Wort gesprochen?
Heller bricht der Morgen durch den Vorhang.
Zögernd - dennoch öffne ich die Lider:
Guten Morgen, Tag! Und ja, da bin ich.
Springe auf und stoß den blauen Vorhang
jäh zurück und grüße meine Bäume.

In:  Einkehr. Bremer Kirchenzeitung. 11.J  Nr.24  vom 4.11.1956

1957  logo groß


Fehmarn

Fehmarn, ich lieb dich sehr,
von goldnem Weizen schwer,
rundum das salze Meer.

Du hast noch hohen Mut,
hältst väterliches Gut
in deiner treuen Hut.

Zu Burg der Kirchturm kühn.
Die Dohlen lieben ihn,
die lärmend ihn umziehn.

Fehmarn, mein Wanderschuh,
er fand auf dir die Ruh.
Bleib du, bleib immer du.

In: Fehmarnsches Tageblatt. Burg. 102.J  Nr.212  vom 12.9.1957






Existens

Man fängt mitunter an, was zu beginnen,
um nur der eignen Ichheit zu entrinnen.

Man klettert auf den Baum und ist nun oben
und kann den neuen Zustand doch nicht loben.

Denn wie man sich betastet, wird uns klar,
man ist derselbe, der man unten war.

Nun klettert man hinab und in der Mitte,
da hält man an, als sei das nun das Dritte.

Das ist es auch, doch immer nicht zu loben:
es zieht nach unten und es zieht nach oben.

So macht man denn gedankenvoll den Strich:
du kannst nicht fort aus deinem eignen Ich.

Und bleibt nichts andres übrig, als verwegen
das Weltall in dich selber zu verlegen.

Hermann Claudius   24.6.1957





Weihnacht

Gottes Güte war's und Größe,
da Er niederkam
und in Stalles Blöße
seine Wohnung nahm.

Leuchtend um das Kinde
lag der Heiligenschein.
Und war sein Gesinde
Ochs und Eselein.

Hirten auf den Knien
beteten es an.
Joseph und Marien
hat es wohlgetan.

Weihrauch, Gold und Myrrhen -
Könige von fern
folgten ohne Irren
ihrem hellen Stern.

Engelstimmen sangen:
Heute in der Nacht
allen, die da bangen,
ist das Heil gebracht.

In: Trierischer Volksfreund/Wochenend-Post. Nr.51  Weihnachten 1957





Im Grase

Ich lieg im hohen Gras und schau
der Halme Gold im tiefen Blau
des Sommerhimmels über mir.
Ich seh der Rispen zarte Zier
im Wind sich wiegen her und hin
und gebe mich der Stunde Sinn,
als sei ich selbst ein Gras und Kraut,
darauf die Sonne niederschaut.
Und liege so und denke nicht
und bin mir selber ein Gedicht.

In:  Das illustrierte Wochenende / Beilage. Nr.246  vom 13.7.1957





Es lenzt

Ich seh' der Weiden schimmernd Haar
zum Wasser niederhangen,
nach ihrem Spiegelbilde gar
wie nach sich selber langen.

Ich gehe her und gehe hin
und mag den Blick nicht meiden
und dank dem Herrgott, daß ich bin,
und laß die Augen weiden.

Und bin wohl wie der Weidenbaum
und fühl mein kleines Leben
und wie aus eines Spiegels Raum
leuchtend mich umschweben.

In:  Sonntagspost (Die bunte Post), Oberndorf vom 28.4.1957




Advent

Um Advent,
wenn im Kranze das erste Lichtlein brennt,
da stellt sich heimlich die Hoffnung ein,
einmal wird die Welt anders sein.

Um Advent,
wenn im Kranze das zweite Lichtlein brennt,
hat jedes Licht einen dunklen Kern.
Aber er wandelt zur Flamme sich gern.

Um Advent,
wenn im Kranze das dritte Lichtlein brennt,
da liegt ein Leuchten um unser Gesicht,
will alles Dunkle in das Licht.

Um Advent,
wenn im Kranze das vierte Lichtlein brennt,
da wandelt die Liebe von Haus zu Haus,
löscht alles Böse im Herzen aus.

In: Zeitungsausschnitt vom 1.12.1957




Heiligabend
      Von Hermann Claudius

Kinderaugen unterm Kerzenbaum -
Wie sie schauen, schauen!
Lauteres Vertrauen!
Störe nicht den halberwachten Traum!

Alle Erdensüße blüht darin,
Laß es mich dir sagen,
Fern noch allem Fragen
Alles Lebens allererster Sinn.

Du, der du erwachsen, blick' hinein
Herzhaft bis zum Grunde,
Daß dein Herz daran gesunde,
Unter Kindern wieder Kind zu sein.

In:  Main-Post  Nr.297  S.13  vom 24.12.1957
In:  Heidenheimer Zeitung 1957




Weihnachten

Das Kind in der Krippe,
in der Krippen das Kind -
wie wir doch alle
verloren sind!

Zu Bethlehem war es,
in Bethlehems Stall.
Der Engel verkündete
es mit lautem Schall.

Der Stern blieb über
dem Stalle stehn.
Das Gotteswunder
war geschehn:

Christus geboren,
der Heiland der Welt.
Die Hirten kamen
vom nächtigen Feld.

Die Weisen kamen
aus Morgenland,
Gold, Weihrauch und Myrrhen
in ihrer Hand.

Maria und Joseph
im Heiligenschein.
Und Ochs dabei auch
und Eselein.

Ehre sei Gott
und Frieden allen
Menschen und ein
Wohlgefallen!

In: Münster-Zeitung Weihnachten 1957




Unterm Christbaum

Unterm Weihnachtsbaume
- schimmernd Licht bei Licht -
sind wir alle Kinder.
Und wir wissen's nicht.

Haben unsere Herzen
weit sich aufgetan.
Jeder sieht sich selber
in dem andern an.

Unsere Lippen wölben
sich zum frommen Lied.
Und am Grund die Seele
lauscht und singt dann mit:

Daß der Sohn geboren
in der Krippe lag,
daß wir nicht verloren
mehr seit jenem Tag ...

Von dem Christbaum oben
leuchtet hell der Stern
wie ein Lächeln droben
her von Gott dem Herrn.

In:  Paulinus  Nr.51   S.10  vom 23.12.1957
In:  Regensburger Bistumsblatt Nr.51  S.10  vom 22.12.1957




Zur Jahreswende
Von Hermann Claudius

Wir gingen. Wir gehen.
Wir sahen. Wir sehen.
Wir aßen. Wir essen,
Vergaßen, vergessen.

Wir sannen. Wir sinnen,
Begannen, beginnen.
Wir sprachen. Wir sprechen,
Zerbrachen, zerbrechen.

Wir schrieben. Wir schreiben,
Im Geiste zu bleiben.
Wir riefen. Wir rufen.
Und Stufen um Stufen
Hinauf und hernieder
Und wieder und wieder
Die schwankende Leiter
Nur weiter und weiter.
Schon wanken die Wände.
Wir falten die Hände
- - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - -
Und Gott steht am Ende
Im himmlischen Rahmen
Der Ewigkeit. Amen.

In:  Deutsches Volksblatt  Nr.301  vom 31.12.1957





Weidenbaum am Wasser

Der alte Weidenbaum.
Die Leute achten es kaum,
wie er blinkt
und nach der Sonne mit goldenen Stäbchen winkt.

Er reckt sein Gezweige hoch,
höher noch
abendbang.
Denn siehe, die Sonne neigt sich schon zum Untergang.

Und die Sonne ging.
Es ist wahrlich ein eigen Ding:
grau und schwer
steht der Baum, als ob er schon eingeschlafen wär'.

Und es kommt die Nacht.
Da hat sich ein Stern auf den Weg gemacht
für sich allein
bei dem schlafenden Weidenbaum Hüter zu sein.

Hermann Claudius
Mspt - 19.6.1957







                        Agape

Nur, wo du dich von ganzer Seele gibst,
vermagst du zu dir selber zu gelangen.
Sonst bleibst du zwischenin den Dingen hangen.
Du einst nur Das dem Geiste, was du liebst.

Dem Rätsel Schöpfung, dem du angehörst
zuinnerst: diesem kannst du nicht entrinnen.
Doch wo du liebst, bist du ihm mitteninnen,
solang nicht klugseinwollen dich betört.

Denn wir sind Zweierlei in Eins verwoben
und können es nicht voneinander trennen
und fühlen doch ein Drittes in uns brennen,
als zöge eine Hand uns auf nach oben.

Dort, wo die Wolken stehn im reinen Licht,
dort, wo zur Nacht die Sterne funkelnd wandern,
von dorther grüßt es in uns jenem Andern,
das seine eigne Sprache dunkel spricht.

Es ist wohl mehr ein Schweigen wundersam
und will mit seiner Allheit uns umfassen.
Du mußt es dennoch wieder fahren lassen,
wie es auch ungerufen zu dir kam.

Nur, wo du dich von ganzer Seele gibst,
vermagst du zu dir selber zu gelangen.
Sonst bleibst du zwischenin den Dingen hangen.
Du einst nur deinem Geiste, was du liebst.

Hermann Claudius  -  10. Juli 1957





                        Märzbild

Auf der grasgrünen Weide die Raben
wollen den Frühling noch nicht wahr haben.

Wetzen die Schnäbel und wackeln umher,
als ob es immer noch Winter wär'.

Aber die Sonne - sie kennt das schon -
tupft ihnen lachend einen Ton

aufs Gefieder wie schimmernde Seide.
Jaja, die Sonne und ich, wir beide

haben unsere Lust an den Raben,
die wackelnd über die Weide traben.

Auf einmal breitet einer die Flügel.
Und - holla! - sind sie weg über'n Hügel.

Der Kiebitz wird kommen mit seinem Tanz.
Und dann ist erst der Frühling ganz.

Hermann Claudius
 (in einer Hamburger Zeitung 13./14.3.1957)





N a c h t  in der  H e i d e

Ich barg mich unterm Holder.
Ich wollte einsam sein.
Da kam der Mond gezogen
und ließ mich nicht allein.

Wir gingen über die Heide
beide, er und ich.
Es folgte mir mein Schatten
gar gespensterlich.

Wich nicht von meiner Seite,
wie ich auch ging und schritt.
Du kannst dir nicht entschreiten.
Du nimmst dich selber mit.

Hermann Claudius  -  Mspt  28.6.1957




An einen Jüngling X

Wie seid ihr alle doch so jung so sehr!
Wie ist doch meine Hand mir ahnenschwer!

Kaum, daß ich zögernd sie zu heben wage.
Als ob sie heimlich eine Kette trage,

gläsern und gar zerbrechlich und doch schwer.
Ach, daß ich einmal ihrer ledig wär'!

Nun aber muß in allen meinen Tagen
ich ungesehn die Väterkette tragen,

die Väter-Mütter-Kette mühsam heben,
bis daß daran zerronnen ist mein Leben.

Und dann und wann erzittern mir die Hände,
als hielte GOTT der Kette anderes Ende - -

Hermann Claudius
In:  Die Horen. Junger Literaturkreis Hannover Nr.5/1957  S.4

1958  logo groß


Tanzlied

Der Mond ist rund
und die Erde ist rund.
Und drehen tut sich das Ganze.
Immer nur sitzen ist nicht gesund:
Tanze, Renate, tanze!

Der Regenwurm kriecht
und die Schnecke kriecht
und kriechen tut auch die Wanze.
Aber das Kriechen macht nicht vergnügt.
Tanze, Renate, tanze!

Du bist nicht mehr Kind
und so laß denn im Wind
flattern die Blätter vom Kranze!
Dreh dich im Kreise, dreh dich geschwind!
Tanze, Renate, tanze!

Einmal vorbei
ist alles vorbei,
ruhen wir unter der Schanze.
Wolle Gott, daß es noch lange nicht sei!
Tanze, Renate, tanze!

Hermann Claudius
In: Helios. Unabhängige Monatsschrift. Lauf/Pegnitz
    Heft  89  S.5  - Mai 1958




Am Abend

Und oft in abendlicher Laube
mit meinem lieben Weib allein,
steht auf in mir der große Glaube:
wir werden einst genesen sein.

Wie freundlich sich die Blätter breiten,
ein jedes still nach seiner Art.
So ist auch uns aus Ewigkeiten
von Gott die Heilung aufbewahrt.

Und wenn in unser kleines Leben
davon ein zager Strahl nur bricht:
so wollen wir uns gern begeben
und horchen, was die Stimme spricht.

Und wollen nachbarlich uns finden
- denn keiner ist für sich ein Held -
uns Mensch zu Mensch in Freundschaft binden
zur großen Nachbarschaft der Welt.

In:  Ruf und Echo. Von Nachbarschaft zu Nachbarschaft.
     Hannover. 9.J  Nr.10  Okt.1958  S.4





Als ich aus dem Fenster sah

Der Vogel stob davon.
Noch schwankt der Zweig.
Es fällt ein Tropfen Tau.
Dann ist es still.

So schwankt der Zweig,
wenn ich gestorben bin.
Noch eine Träne tropft.
Dann ist es still.

Hermann Claudius
Mspt - 27.7.58





Parole
     Von Hermann Claudius

Das ist des Lebens Allerbest,
das eins das andre gelten läßt.

Das Ich und Du war niemals leer.
Es füllte sich geschlechterher.

Und kaum, daß man es selber glaubt,
hebt schon ein alter Ahn sein Haupt.

Und kaum, eh dir es selber kund,
sprichst du mit einem fremden Mund.

Wer weise ist, der gibt sich hin
und hadert nicht mit seinem Sinn.

In: General-Anzeiger  vom 25./26.10.1958





Die beiden alten Linden
hinter deinem Hause, Urahn,
stehen heute noch.
Aber sonst hat deine Historie
ein gähnendes Loch.
Und dein Wandsbeck, Wandsbecker Bote du,
stopft es nicht wieder zu
und braucht es auch nicht.
Denn dein Wort ist wie ein Altarlicht
geworden.
Und wie ein geheimer Orden
zu ihren Stunden verbunden
sind alle miteinander, die dich kennen
und deinen Namen mit Ehrfurcht nennen
und Liebe.
Wenn es nicht so bliebe - -

Aber es wird so bleiben.
Laß die Welt nur draußen
ihr lärmendes Wesen treiben!
Der Mond, dein lieber Freund, bewahrt sein Gesicht
und auch dein Gedicht.
Und ich will meinen,
der Mond könnte ohne dein Lied gar nicht mehr scheinen.

In: Die Glocke, Oelde vom 24.10.1958





Meine Verse
Von Hermann Claudius
Zum 80. Geburtstag am 24. Oktober

Meine Verse schweben dahin, dahin im Tanz.
Jemand sandte mir einen Blumenkranz.
Aus Schweden kam eine wächserne Kerze,
zinnoberrot und gar schön ziseliert.
Auf meinem Tische thront sie nun wie zum Scherze.
Ich habe, sie zu entzünden, noch nicht probiert.
Ihre wächserne Schöne müßte vergehn.
Und so wird sie lange - lange auf meinem Schreibtisch stehn.
Und weiter tanzen meine Gedichte hin.
Und war es doch mein heimlicher Sinn,
hinter ihnen mich zu verschanzen -
Aber sie wirbeln dahin, dahin im Tanz -
Jemand sandte mit einen leuchtenden Blumenkranz.

In: Kölnische Rundschau  vom 19.10.1958






Will Vesper zum 75. Geburtstage

Deine schreibende Hand
ist dem Pfluge mehr
als der Feder zugewandt.
Und Du gebürtig aus
fälischem Bauerngeschlecht,
läßt ihr lächelnd gern
ihr derberes Recht.
Und mit Fug
grüßt Du Ackerweite
und Wolkenzug.
Denn Deine deutsche Seele
- wer sagte das Wort? -
Es hat nirgends mehr
den rechten Ort. -
Deine deutsche Seele
pulst Dir im Blut.
Und so ist auch, was Du
geschrieben: gut.
Und immer wieder ist
Deine Hand bereit,
Furchen zu ziehen durch
den Acker der Zeit
für kommende Saat.
Dazu helfe uns allen
Gottes Gnad!

In: Der neue Bund. Wien
7.J  Folge 1  1958  S.41




Beim Morgenrot

Es war im frühen Morgenrot.
Die Wolken waren schon entglommen,
als ahnten sie das große Kommen
der Sonne.

Ich fühlte es so sehr wie sie
und jedes Blatt umher nicht minder.
Wir sind doch alle, alle Kinder
der Einen.

Dann stieg der Feuerball empor.
Die Erde schwamm im Licht verloren.
Und wieder war ein Tag geboren
- o allerheiligste der Horen! -
ein neuer Tag!

Aus:  "Die Eiche", 11.J  März 1958 Natal/Südafrika
Zitiert in: Die Horen. Junger Literaturkreis.
Hannover.  3.J  Nr.6/1958  S.10




Sie sind sich ihrer Schöne nicht bewusst.
Das ist das Wunderbare, sie zu schauen,
wie sie in holdem stummen Sichvertrauen
sich herrlich heben zu des Daseins Lust.

Und köstlicher noch aus dem Blütenduft
- viel Hände halfen bittend, ihn zu bauen
in frommer Einfalt edler Klosterfrauen –
befreit der Duft dir die bedrängte Brust.

Der Atem einer reineren Natur
und unbeschwert von allem Menschenlose
von einer milden Gottheit ferner Spur.

Nur musst du stumm dich hin zur Rose neigen
und einsam sein und ihrem Dufte eigen.


Hermann Claudius   Mspt  1958

1959-1960   logo groß


                        Als  T o d d i  gestorben war.

Deine Rosen blühn immer noch. Geh in den Garten,
sie warten auf dich!
Morgen - ? Auch die schönste Rose
zerfällt.
Alles ist hier nur zu Gaste
auf dieser Welt.
Ehernes Gebot:
Hinter jedem deiner Schritte
schreitet der Tod.
Darum neige dich
nieder zu deiner Rose andächtiglich,
solang ihr beide noch seid.
Alles kehrt wieder zurück
unabrinnbar
in seine Ewigkeit.
Sela.

Hermann Claudius  Mspt  3.8.1959
 




Gutenberg

Als Gutenberg den Druck erfand,
der Herrgott ihm zur Rechten stand.
Jedoch ohn' allen Zweifel:
zur Linken stand der Teufel.

Und in der Engel lautem Chor
flüsterte er ihm leis ins Ohr.
Seither muß jeder selbst ermessen,
von wessen Worten er besessen.

In: Damit uns Erde zur Heimat wird. Eine Gedichtsammlung.
    Ausgewählt von Fritz Färber, Wolfgang Koller, Wilhelm Schindler, Karl Voraus.
    München: Bayerischer Schulbuch-Verlag 1959  S.504

Meinem kleinen Enkel

In diesem Aug' seh ich mich selber an,
wie ich als Kind, als kleines Kind gewesen.
Ich kann's in deinen Blicken deutlich lesen,
wie ich es nicht mit Worten sagen kann.
Und jene Unschuld, die sich dann und wann
aus meinem alten Ichsein möchte lösen,
fern aller Klugheit, allem Gut' und Bösen,
hat ihre Augen in mir aufgetan
und sieht umher. Und hat zu jedem Ding
- weiß selbst nicht, wie - ein brüderlich Verlangen
und bleibt an Blatt und Blume selig hangen,
als schlösse sich erneut der Schöpfung Ring.
So laß mich, Enkelein, in deine blauen
unschuld'gen Augen wundergläubig schauen.

Hermann Claudius 1959



Cantate

Ich las Dein Buch.
Es fiel mich an:
Du selbst seist der Sebastian,
selbst der Johann Sebastian
Bach.

Ich dachte dessen lange nach,
schlug auf das Buch
und hab' gelesen . . .
Und bin Euer B e i d e r
Gast gewesen.

Herm.Claudius
(Brief von Hermann Claudius an Hans Franck)
Cantate, 1. Aufl. 1960 - Kreuz-Verlag Stuttgart

Grönwohld

Der Regen hüllt die Landschaft
in seine linden Schleier.
Im Grund der blanke Weiher
ist blind geworden.

Es wechseln die Konturen.
Der hohe Tann - fort ist er.
Ein Eichbaum wie ein Priester
steht einsam.

Als habe Hokusai
- dem Sorgentag entwichen -
mit breiten Pinselstrichen
ihn hingezaubert.

Und immer rinnt der Regen.
Du hörest zu dem Rauschen
- du mußt in Andacht lauschen -
uralte ewige Lieder.

Hermann Claudius 1960



1962-1963    logo groß


Grönwohld, d 17.11.62

Liebe Alraune,
ob Du eine Blonde bist
oder Braune,
das weiß ich nicht.
Aber Dein Name ver-
führt zum Gedicht.
Es ist mir nicht so
ganz gewiß:
Er bedeutet Süße und
Bitternis.
Möge dein Leben
Dir beides geben.
Eines allein - ?
nein!
Das wäre kein Leben.
Bedenk':
Du heißt auch Schenk!
Mit Lächeln und Gruß

Im Brief weitere Notiz:

Eurem Lehrer einen (herz)lichen Gruß von Seinem Freunde Hermann Claudius
(der für ihn 10 x schreiben muß 11.5.62)
Er soll es lassen bleiben: Kleist läßt sich viel schneller schreiben.








 To Grönwohld

        Von Hermann Claudius

(Vorgetragen vom Dichter an einem Abend
im Nov. 1963 nach seinem 85. Geburtstag)

Ick weet en Börgermeester,
de hett sin Dörp noch leef,
sin olen Hüs un Böm noch,
un staht se ok wat scheef.

Ick weet en Börgermeester,
de geit noch gern tofot.
He kennt de heele Hahnheid'
un snackt dorvun nich blot.

Ick weet en Börgermeester,
de hett sin Immenschur.
Dor liggt he sine Immen
gor to geern op Lur.

De Lindenböm - un blöht se,
geit he dorünner her.
Un hört sin Immen summen
so söt. Wat will he mehr?

Ick weet en Börgermeester,
de krigt dat allens trecht.
He hett sick utklamüstert
den Hahnheid'-Wannerweg.

En Brüch, de lett he bugen.
Se heet de Jumfernbrüch.
Dor gah mal lank un lüster.
De Brüch is en Gedich'.

Ick bün tonach' dor wesen.
Geruhig leep de Beek.
De Maan de stünn an' Heben
un keek min an - un keek.

In:   De Grönwohlder Rinkieker.
      Mitteilungsblatt für Grönwohld Nr.18  S.4  Okt.1984





De Sassenwohld

De Sassenwohld, ne'm Bismarck liggt,
dor staht de Dannen dusterdicht.
Un allens kickt di an un swiggt.

Un in dütt Swiegen steihst du nu.
Un dörch dütt Swiegen geihst du nu.
Holt wiß! Holt wiß! - Wat deist du nu?

Du föhlst en Köhlnis üm't Gesicht,
as wenn di wat voröwerflüggt.
Du steihst un kickst un rögst di nich.

Un warrst nich mit di sülben quitt
un geihst. Dat Swiegen dar geiht mit.
Un sitt mit di tohus un sitt
un kickt di an.


Hermann Claudius
In: Zwischen Nord- und Ostsee, Hamburg 68.J  S.4  Okt.1963



Sleswig-Holsteen

De Noordsee rop, de Ostsee raff
de solte Wind geit hen und her.
Ne'm he dat nich deit, üm sick sülm sick dreiht,
ward mi de Aten swör.

De Wulken treckt, sick deftig reckt.
Ick kik jem na vun't frie Feld.
Ward frisch min Moot und dücht mi god
rundüm die wide Welt.

De Bargen nich mi sparrt de Sicht.
De Daak blots weewt sin Nett.
Min Waterkant ward Wunnerland
in' Droom noch üm min Bett.

De Noordsee rop, de Ostsee raff
de solte Wind geit hen un her.
Ne'm he dat nich deit, üm sick sülm sick dreiht,
ward mi de Aten swör.


Hermann Claudius
In: Zwischen Nord- und Ostsee, Hamburg
    68.J  S.3  Okt.1963





O S T E R N

Ich bin ein Kind der Sonne.
Wie Busch und Baum und Strauch
sich ihr entgegen heben,
tu ich es auch.

Ich berge meine Säfte
durch weiße Winterzeit,
steh in der Ostersonne
knospenbereit.

Und laß die Schuppen springen
und öffne Blatt um Blatt.
Und meine Blüten trinken
sich sonnensatt.

Und muß den Baum beneiden:
er tut es Jahr um Jahr.
Ich stehe hier bescheiden
im grauen Haar.

Und kann es doch nicht lassen
und muß und muß mich müh'n,
den Frühling zu umfassen
und blühn.

Hermann Claudius    6.3.1963
(In: Zwischen Nord- und Ostsee - April 1979
Mitteilungsblatt des "Up ewig ungedeelt von 1895")

1964-1965    logo groß


       Wintergang
in der Hahnheide am
2. Weihnachtstage 63

Wir gingen durch den Winterwald
mit seinem weißen Schweigen.
Die Tannen hingen tief verschneit.
Und stille stand um uns die Zeit.
Die Sonne war im Neigen.

Und golden schimmerte der Schnee
inmitten durchs Geäste.
Und Hand an Hand wir schritten fort.
Verwunschen schien uns Zeit und Ort
und wir darin die Gäste.

Auf allen Zweigen lag es schwer.
Und immer noch und immer.
Wir setzten leise unsern Schritt,
als trügen wir die Lasten mit
und ihren goldenen Schimmer.

Hermann Claudius für Hanna, weil sie’s gern hatte.
6.1.1964





Dat wi sünd, dat is en eegen Sak.
Un datsülwe, dat wi wedder gaht.

Dat wi meent, wi sünd tohus hier heel.
Un denn is dor noch en anner Deel.

Twüschen dat un dütt dor hangt en Dok.
Un de't nich weeten will - de is nich klok.

Simmeleeren schall he, simmeleern.
Un dat deit he denn un deit dat geern.

Un op eenmal föhlt he: sine Seel
so as weer se wat vun't anner Deel.

Un em is nich üm sick sülwen bang.
Un he sütt den Vorhang ruhig hang'n.


HermClaudius  - Mspt 1964







    Dat Buernleed


Wi snackt nich geern soveel.
Se is vun uns en Deel,
uns' Spraak, se is uns' Seel.

Wi sünd vun Buernbloot
in Riekdom un in Not,
in't Lewen un in' Dod.

Wi sünd verwussen swöör
mit Acker un mit Eer
un sünd dat jümmer mehr.

Wi wahnt in't sülwe Huus
mit Peer un Köh un Muus
un hewwt se leef, uns' Kluus.

Uns Wüß de hangt in' Rook,
un wi sunn' beten ok.
Dat dücht uns goden Brook.

Un op de grote Deel
- weet keenereen woveel -
de Swulken hewwt ehr Speel.

Un fallt de Snee vun baben,
sitt wi an' Kachelaben
un lat de Stünn' sick lawen.

De Aben warmt uns' Rüch.
De Pipendamp de stiggt
rundüm de Lamp un swiggt.

Wi snackt nich geern soveel.-
Uns' Spraak is unse Seel,
un is dat heel un deel.

Hermann Claudius
In:  Die Heimat, Neumünster
     72.J  H.5  Mai 1965  S.131





Der Regen tröpfelt leise.
Die Erde saugt den Himmel ein,
im Saft des Baums ihm nah zu sein.

Ein Brief, von dir geschrieben,
ist wie ein Himmelstropfen mir.
Ich lese immer wir nur, wir.

Und zwischen deinen Zügen,
so neckisch oft im Widerpart,
wird all dein Sein mir Gegenwart.

Der Regen tröpfelt leise.
Die Erde saugt den Himmel ein,
im Saft des Baums ihm nah zu sein.

Hermann Claudius
15.4.65 - Mspt




               G i s e l a

Du bist der Seele dein das sichre Haus.
Und jeder Winkel ist ihr heimisch drin.
Ich weiß genau, daß ich es nicht so bin
und flüchte oft und oft aus mir heraus.

Gleich einem Vogel, der die Weite will
und doch nicht sicher weiß um Weg und Ziel.
Mich deucht mein eigen Wesen oft ein Spiel,
als hielt ich vor mir selber selten still.

Du kennst mich so und weißt es und bleibst stumm
und ordnest lächelnd es in dein Geschehn.
Ich könnte anders nicht vor mir bestehn
und kehre immer wieder zu dir um.

Hermann Claudius
Karfreitag 1965
(Mspt)




Im Sommer-Garten zu Hause

Es sieht mich meine Eiche
an mit stillem Blick.
Carpinus tut das Gleiche
urwüchsig aus dem Knick.

Die Malven an der Mauer
mühen sich zu blühn.
Ich fühl’s wie milde Trauer
daran vorüberziehn.

Ranunkeln all mir winken
mit goldnen Becherlein,
als sollt‘ ich trinken, trinken
und sonnenselig sein.

Herm. Claudius
Grönwohld, 9.7.65
In:  Stormarner Tageblatt vom 15.7.1965

1966-1967   logo groß



Wanderer

Wanderer, bleibe stehn,
wo es auch sei!
Es sind keine unbetretenen Wege mehr frei.

Überall wirst du Spuren
vor dir im Sande sehn.

Sei dir selber die Welt,
selber Unendlichkeit.

Es ist draußen wahrlich kein Weg so weit,
irgendwo ist er,
wohin du auch eiltest, verstellt.

Nur deine Seele hat Raum,
den kein Schreiten ermißt.

Wisse es, weil sie Gottes ist,
Gottes, der ihrer wartet am Schöpfungssaum.


Hermann Claudius
In:  Wetzlarer Neue Zeitung 19.10.1963




De Bronzekopp
hett sinen deepern Sinn
erst, wenn ick nich mehr bün.

He weet dat ok un swiggt
un wohrt sin Gesicht.
Sihle Wissel
- een sütt em dat an -
is een Künstler, de mehr
as kiken kann.
Ne'm dat ophört, dat Woort,
fangt sin Warken erst an.

Wenn ick lang nich mehr bün
un de Bronzekopp steit -
un wenn denn Een vörbigeit
un en Leed singen deit,
dat ick mal schrewen - -
wat schull dat denn wull gewen?

Wat he lisen nickt?
Nee, he weet, wat sick schickt.
He weet.

1966




Nächtliches Gewitter

Nächtelang schon war es schwül gewesen.
Dunstig und geschwollen sah des Mondes
müde Scheibe auf die Erde nieder.
Und wie dunkle Hände schoben Wolken
sich davor, und neckisch wie im Spiele.
Plötzlich wie ein Lachen zuckt ein Leuchten
über alles, schwindet und kommt wieder,
heller nun, man hört ein leises Knurren.
Und dann stehn Giganten auf und werfen
Wolkenfetzen polternd aufeinander.
Sie zerbersten. Und aus ihren Bäuchen
stürzen Wasserbäche, die wie Feuer
niederbrechen gierig und wie Flammen . . .
Das war das Gewitter, das uns weckte.
Grelle Helle wechselte mit Dunkel,
bis im Osten langsam sich der Vorhang
vor dem Morgen löste . . .

Hermann Claudius

In: Der Winterhuder Bürger, Juni 1966








Die Wolken hingen dunkelschwer.
Nun rinnt der Regen nieder
Mir ist, daß ich die Wolke wär'
und alle Tropfen Lieder.

Wo kamen denn die Wolken her?
Wer machte, daß sie rinnen?
So bin ich mir ein Rätsel sehr
tief in mir selber binnen.

Die Wolke schwand. Der Himmel blaut.
Das ist in mir das Schweigen,
das seinem Gott in sich vertraut
und läßt die Lieder steigen.

Hermann Claudius  Mspt  4.7.1967





Wilde Schwäne sehe ich im Zuge
in der Höhe mir vorübergleiten
in die Freiheit ungewußter Weiten.

Kaum ein Flügelschlag. Ich steh und schaue.
Und es wachen in mir Fluggewalten
jählings auf. Ich muß am Baum mich halten.

Denn ich fühle doppelt meine Schwere,
die mich an den kleinen Garten bindet,
während hoch der Schwäne Schwarm entschwindet.

Hermann Claudius  Mspt  21.7.1967





Der Juliabend weiß um kein Bewegen.
Es neigt das Laub sich müde ihm entgegen.
Ich lasse meine Augen alles trinken.

Es dunkelt schon. Des Mondes halbe Scheibe
erhebt sich überm Wald und sagt mir: Bleibe!
Wir kennen uns. Er leiht von mir die Worte.

Der Ort bin ich mit Atem, Augen, Ohren.
Es wird durch mich erst jeder Raum geboren.
Und er erwacht in mir erst zum Bewußten.

Solang ich bin. Hier will das Wort nicht weiter.
Es blickt der Mond herab so silbern-heiter,
daß ich mich schweigend seinem Schein ergebe.

Hermann Claudius - Mspt 16.7.1967


1968   logo groß


Wer Gottes sich erkannt,
schlägt Wasser aus dem Stein
und trinkt aus hohler Hand.

Es ist ein altes Bild
jenseitig jedem Wort.
Allein es ist und gilt.

So neige dich und trink
aus hohler Hand - der Knabe.
Es ist ein eigen Ding.

Wer Gottes in sich fand,
schlägt Wasser aus dem Stein
und trinkt aus hohler Hand.

Es ist ein altes Bild
jenseitig jedem Wort.
Allein es ist und gilt.

So schlag ich an den Stein
und trink aus hohler Hand.
Und Wasser wird zu Wein.

In: Niedersachsen, Hildesheim
68.J - Jan/Febr.1968  S.38-39





An Paul zur Taufe

Nun sei gegrüßt, du kleiner Christ,
der durch die Taufe unser ist.
Gott sei gepriesen, Amen.

Du weißt noch nicht, was dir geschah,
wir brachten dich Gott-Vater nah
in seines Sohnes Namen.

Das ist die Weihe dieser Stund,
die Taufe hob dich in den Bund
der', die den Glauben haben.

Du liebes, liebes Kindelein,
und wolle Gott dir gnädig sein
mit seinem Gut und Gaben.





K a j ü t e n - C a n t u s
   (Für Dr. Karl Samwer)

Geborgen sehr in der "Kajüte"
und einer guten Stund' an Bord,
- es klingt schon heute fast wie Mythe -
so saßen wir und tranken fort.

Das Edelste, was nur im Keller
des klugen Griffes lang geharrt,
wir stießen an. Und immer heller
erstand um uns die Gegenwart.

Aus fahrensalter Bordlaterne
fiel auf uns nieder mild ein Schein,
als habe er die Stunde gerne
und hüll' uns schirmend in sich ein.

Und ging das Wort von Mund zu Munde,
von Herz zu Herzen her und hin,
geboren aus dem Glück der Stunde
- ach! - aller Stunden Königin!

Karl Samwer in dem Sessel lehnte
gedankentief und körperschwer.
Und seine Mannesseele dehnte
bei jedem Trunk sich mehr und mehr.

Und Du inmitten uns, Du Holde!
Wie gern Dich jedes Auge sah!
Wir stießen an. Und aus dem Golde
des Weines sang es:  G i s e l a !

So segelten wir sonder Sorgen
dicht überhin der dunklen Flut
entgegen einem schönern Morgen,
wie er in Gottes Armen ruht.

Geborgen sehr in der "Kajüte",
der guten Stunde froh an Bord
- es klingt schon heute fast wie Mythe -
so saßen wir und tranken fort.

Hermann Claudius   1968




Sylt

Vom Strande
blicke ich über die Meeresweite.
Darüber steht der Abendstern
und sieht mich an.

Ich ihn. Das haben wir
tausendmal schon getan.
Nicht immer über das Meer.
Schwer
winkte er mir über dem
Dunst der großen Stadt.
Matt.
Aber immer hat es mir wohlgetan.

Denn er ist die Ferne,
in der ich nichts mehr erkenne
und keinen Namen suche,
daß er sie benenne.

Oder sage ich: Gott.
Es fällt mir schwer.
Aber nehme ich ihn weg -
ist alles leer.
Nichts ist mehr -
auch ich.

Lieber Abendstern,
leuchte  mir -
dem Sandkörnchen am Meer.

H Cl  20.10.68






G o t t  war der erste Sänger,
singend schuf  E r  die Welt.
Glaubt mir, daß  E r  sie singend
heut' noch in Händen hält.

All der Lärm der Motore,
der uns täglich betört,
läßt  I h n  leise nur lächeln,
wenn  E r  uns singen hört.

G o t t  war der erste Sänger,
singend schuf  E r  die Welt.
Glaubt mir, daß  E r  sie singend
heut' noch in Händen hält.


Hermann Claudius  1968
Der Dichter sprach dieses Gedicht im Anschluss an ein offenes Volksliedsingen des Stuttgarter Singkreises unter Hans Grischkat zum 90. Geburtstag 1968 am 2.10.1968, 20 Uhr im Gustav-Siegl-Haus. Er hatte das Gedicht für diesen Abend geschrieben.

1969    logo groß


Ostern


Als Kind
da warst du ohne
Schuld
- - - - - -
Was bangt dir nun?
- - - - - -
Geduld! Geduld!
Vom Kreuz die Stimme
spricht dich rein:
Morgen
wirst du mit mir
im Paradiese sein!

Hermann Claudius
 (Dieses Gedicht übersandte uns der kürzlich 90 Jahre alt gewordene Hermann Claudius)
In:  Schleswig-Holstein, Neumünster  21.J  H.4  April 1969  S.95





         Bi 33 Grad

Dat is nu mal en Hitt mal.
De Wasch drögt in twee Stünn.
De allerstrammsten Büxen,
De danzt dor an de Lien.

De Dint in` Füller drögt mi.
Ick schrief di al mit Blee.
Du kannst vör Hitt nich lesen.
Denn is`t ja eenerlee.

Ick lop mit barße Fööt al
Un in de linnen Büx.
Un Bottermelk blots drink ick
Un dat, ick segg di, fix!

De Koffee - ja, de mutt wull,
As em min Frau mi kakt,
Dat sick dat Tidung-Lesen
Nich ungemütlich makt.

In` Goten dat Begeten -
Sunn knappe halwe Stunn -
Dor kriegt ick blots dat Sweeten,
Dor hewwt de Blom`n nix vun.

Wat schall ick di noch schriwen -
Min Bleesticken wurr stump.
Ick glöw, he is man döstig.
Ick loop mal an de Pump.

Hermann Claudius
31.7.1969
- - - -



Weihnacht

Aus grauem Winterhimmel fällt der
Schnee
und deckt die Erde weiß und feierlich.
Ich schaue aus dem Giebelfenster zu
im weißen Haar.
Es kann mir recht gefallen.
So wird es Abend. Und der volle Mond
gibt allem eine wundersame
Weihe.
Die Christnacht kommt.

Ich aber fühl den Schnee unendlich sinken
jahrmillionenlang.
Und alles leer.
Ein Zwergbirklein nur steht und
zittert.
Jahrmillionen her. Ich bin noch,
bin.

Und werd am Heiligen Abend unterm
Baum
im Kerzenschimmer
Weihnachtslieder summen.
Und Gisela schaut mich an und das ist
mehr.
Und weiter geht's: wir fliegen auf den
Mond.
Halt an, mein Federkiel. Es ist zuviel:
Ward es erfüllt? Ward alles wieder leer?

Wir - es ist schwer zu sagen -
s i n d  nicht mehr.

HermClaudius
  17.12.69
In: Mitteilungen der Stiftung soziales Friedenswerk.
    Salzburg.  29.J  F.4  S.7  Okt/Dez.1980




Christ

De lewe Gott - un is't üm't Hart mi swör -
De lewe Gott, denn kloppt he an min Dör.

De lewe Gott - kann'ck nich mehr trecht mi finn'-
De lewe Gott, sitt he al bi mi binn'-

De lewe Gott - un ligg ick letz denn dod -
Böört he min Seel. Un denn is allens god.


Hermann Claudius
In: Stormarner Tageblatt Nr.80  S.3  vom 5.4.1969

1970-1971   logo groß


De Riesensteen

Dor liggt de griese Riesensteen
an' Weg un kickt mi an. Ik em.

Vun Norge, as de Iestiet weer,
dor dreev em dat so sachen her.

Dat güng mitünner wull ok dull.
He wüß nich, 'nem he liggen schull.

Nu liggt he hier un liggt un liggt
mit sien Gewicht un liggt un liggt.

De Buur treckt em vörbi un plöögt.
Een Heister sitt em op un öögt.
Nix, dat em röögt.

Mitünner int Vorövergahn
denn bliev ik an den Steen wull stahn

un kiek un weet nich, wat ik will.
Denn steiht de Tiet op eenmal still,

as harr se hier nix mehr to doon.
Un lett mi bi den Steen so stohn.

Hermann Claudius
In:  Uns' Moderspraak
     Nr. 3  März 1970  S.11






To Pingsten

To Pingsten - dat is lang al her -
dor hal de Bur sin besten Peer
un mak ehr blank un spann ehr vör.

De Frünn', de kemen dree, veer, fif -
Rop op'n Wagen, Lief an Lief!
Den Buddel, den harr jedereen
so bi sick sachs un knapp to sehn.

Un nu man jüh! den Knickweg lang.
De Pietsch, de knall. Se keem'n in Gang.

Bi Vadder Krischan achtert Holt
- he stünn vör Dör al bannig stolt -
dor keem den Schinken - höi hopp! -
op'n eken Beerdisch mitten rop.
Dat Leed kunn jedereen:
"To Pingsten, och wat schön!"
De ole Mellodie:
ick weer noch mit dorbi - - -

So lang is dat al her
to Wagen un mit Peer.
De Autos? Kinners, lat jem stahn!
Mit Autos geit dat nich mehr an.
Dor hört de Peer to un de Pietsch.
Benzin? Dat is al veel to plietsch!

Uns' Frunslüd leten wi bi Kök.
De Pingstour - dat is Mannslüdspök.
"Wat de Natur sick freit
un all'ns na buten geit!"

Herm.Claudius  1971
In:  Stormarner Tageblatt vom 29.5.1971




(Der im Oktober 93 Jahre alt werdende Hermann Claudius schickte uns im Januar das seinem Freund Alfred Rust gewidmete Gedicht:)

Alfred

Freund Alfred Rust, der große Archäologe,
hat zu Ahrensburg sein stilles Haus.
Und unterm Stein, da wohnt ihm seine Kröte.

Erst abends kommt sie nachdenksam heraus
und reckt den Hals und wandert längs den Steinen,
die wegentlang seit Jahren hier schon ruhn,
in gleichem Takt und langsam zu den Beeten.

Und Alfred sieht das. Alles dort ist sein.
Doch gönnt er seinen Teil dem Hausgenossen.
Denn der ist stumm und ohne Wink und Wort.

Wer sich wie Rust mit tausendjähr'gen Splittern,
wie sie die Erde freigab seinem Spaten,
verständigt hat, daß sie lebendig werden,
der hält auch mit der Kröte sein Gespräch.

Nicht nur mit ihr. Hoch oben unterm Reetdach,
da haust der Steinkauz ganz nach seinen Gnaden
im Rattenreich, das er im Zaume hält.

Bün ick bi Rust, denn snackt wi beid op Platt
wull över düt un dat un aff un an bloß.
In' Gooren wiest he mit sin Hand un swiggt.
Ick heff em geern, wenn he so stillvergnöögt
en Füstling in sin Hand höllt un em wiggt:
bi hunnertdusend Johr geiht dat wull an.
Un ok uns Spraak dücht mi denn hunnertdusend.

Hermann Claudius
In:  Schleswig-Holstein  Neumünster 23.J  H.3  März 1971  S.72




Min Heckenpoort

An Lindemann sin Heckenpoort
dor stah ick gar to geern.
Dat is mi Dag üm Dag en Freid.
Dor kik ick op de Hahnenheid
bet in de blage Feern.

Un is dat Awend, kümmt de Maan
un sütt mi dor so stahn.
He kickt mi an as olen Fründ,
de wi siet Johr un Dag al sünd,
un fangt to snacken an.

Dat lett sick nu so nich verteeln.
He hett sin eegen Sprak.
De is wull meist so as en Leed.
Ick weet dor sachen mit Bescheed,
dat ick’t tosamenrak.

Wi snackt ok mal vun Lindemann,
wil dat de Poort he sett.
Wenn de nich weer, denn güng dat nich.
Denn würr dat nix mit dat Gedich‘
Un ick müß so to Bett.

Herm. Claudius
4. Juni 1971
In: Stormarner Tageblatt
            vom 2.8.1971

1972   logo groß


Was ist denn ein Gedicht?
Eine Hand,
die sich zärtlich auf deine
legt.
Ein warmer Blick
unterweg schattender Wimpern
auf dich.
Dein eigener Name,
wenn die Liebste ihn
ruft.
Eine weiße runde Wolke
im Himmelsblau.
Mehr als Wort und Reim:
alles in dir daheim -
anders nicht.
Das ist ein Gedicht.
Und die Stimme, die dieses
spricht.

Hermann Claudius
In: Unser Gespräch, Heikendorf/Kiel
    2. J  Nr.6  S.2  - April 1972



1.
Die Erde schiebt den Morgen
vor sich her
in buntem Tanz
von einem Dutzend Stunden.
Die Sonne steht und schaut,
die große Mutter,
die alles Leben weckt,
das nächtens schlief.
Im Segelflug kreis‘ ich
ihr entgegen.
Sie sieht mich lächelnd kommen
fast im Gleiten
und mit des Windes Jubel
um mich her.
Dem Göttersang, der sieht
und nimmer endet.
Die Erde fort ist das junge Kind,
das seiner Mutter harrt, an ihren Brüsten
das Leben  einzusaugen, tiefer Lust.

2.
Es schwindet wieder von dem Rauch
der Städte.
Es öffnet sich das Meer dem schönen
Schein.
Die grünen Morgenwellen grüßen
mich.
Ich gleite singend nahe ihrem Tanze,
der weht und sorgt und fröhlich
lichterbiert.
Nun heb ich höher mich. Und Palmen
grüßen.
Sie heben trunken noch vom Schlaf
das Haupt.
Und breiten ihre Hände mir
entgegen.
Ich eil im Fluge über sie dahin.
Und liefen sich, mit wunde Hütte
am Gang des Ufers, das sich
vor mir hebt
das viele Menschen, Menschlein
an das Ufer.
Ich seh sie tauchen morgendlich ins
Meer.
Ein Wolkenballen kommt,
und deckt sie zu.
Ich bin mit mir allein, und wie
ein König
träge mich der Thron des Morgens
der mich mühlos trägt.

3.
Die Wand zerfließt. Nun
tauchen Berge auf.
Die weißen Gipfel  leuchten mir entgegen.
Ich greif ins Steuer. Sie umfangen
mich.
Doch eben schon, sind sie noch gleich
einem Teppich
in sich versunken.
Helle Sonne streicht
mit ausgestreckten Händen über Erde.
Die Erde ist, die unter mir sich dehnt.
Sand, nichts als Sand.
Es ist die Wüste Wüste.
Kamele schwanken hier in ihrem Trapp
dem Morgen zu, wo wieder Palmen ragen.
Ja unter sich. Die Erde hat wirklich
Ihr Morgenglanz weiß immer um die Erde.
Und wieder Wolkenballen um mich her.
Und immer noch und strahlend wie im Tanze
um ihre Mutter, die sich mir verbirgt.

4.
Da – ein Erschrecken: ja, es ist’s
Manhattan tut sich auf wie
tausend Speere,
die kalt und kühn den Himmel
stürmen.
Mein Flugzeug, das mich trägt, heißt
Phantasie.
Da dies Manhattan ist nur noch Skelett.
Es hat auch keinen Gruß mehr an die
Sonne.
An dem kahlen Grund der Speere gähnt
verworrne Nacht,
will selbst der Morgen sein
mit Gleißen, das nicht mehr vom Lichte
hat
vom großen Mutterlicht,
die Sonne heißt.
Ich flog ihr weiter zu. Erde
ist wieder Erde,
ist wieder stumm, fängt wieder an
zu grünen
bis an den Pol, der blind vom
Eise starrt.
Er greift nach mir. Mein Segelflugzeug
gleitet,
entgleitet langsam mir – ich wache auf.
Und – was ich schrieb – hat
Phantasien geschrieben.
Der großen Sonnenmutter Melodie.

Hermann Claudius  14.5.1972

(Sehr schwer zu lesendes Manuskript;
deshalb viele unsichere Stellen!)

1973   logo groß


!   K.. S.. !

Nun sind wir wieder zu Hohwacht,
doch anders, als wir es gedacht.
Die Technik hat Hohwacht ergriffen,
wie Klugscheißer es lang gepfiffen.
Die blaue Ostsee, nun, naja,
die blaue Ostsee ist noch da.
Allein sie kam aufs Altenteil.
Ein Schwimmbassin, das ward das Heil.
Da kann man sich ein Ticket kaufen,
kann schwimmen, ohne zu versaufen.
Und wer nicht schwimmen kann, der kriecht.
Daß man sich gegenseitig riecht
bei Morgen- und bei Abendkur,
das eben macht die Schwimmkultur.
Man kann sich freundlich nackt bewegen
in Ober- Unterleibes Segen.
Nein: Regen gibt es nicht, nur Sonne.
Man schmilzt in jedes andern Wonne.
Auch gibt es wunderschöne Salben,
der öftern Eckigkeiten halben.

Nun sind wir wieder in Hohwacht - -
doch anders, als wir uns gedacht.
Viel alte Bäume fielen um.
Kultur ist klug, der Baum ist dumm.

Daß ich nicht weitertippe:
ich wate hin nach  L i p p e .

Herm Claudius
27.3.1973
Und Eines noch bedrückt mich sehr:
Karl Schöningh fährt kein Auto mehr.
HermClaudius





     Wasserrosen

Die Wasserrosen wissen
von einem Märchen schön,
das sie verschweigen müssen
oder untergehn.

O wunderstilles Schweigen!
Ich höre seinen Sang
und möchte niedersteigen,
ob mir auch heimlich-bang.

Und möchte niedersteigen.
Wohin? Ich weiß es nicht.
Als würde ich mir eigen
erst dort und anders nicht.

O zauberhafte Fraue,
die mir es angetan:
o steig herauf und schaue
mich armen Träumer an!


Hermann Claudius
In:  Sesener Beobachter vom 3.11.1973





Die grünen Blätter fangen an zu
gelben,
das Gras ist silbern spinnennetz-
versponnen.
Ich leg' mich lang und laß mich
übersonnen.

Septembersonne sticht nicht mehr,
sie streichelt.
Ich öffne ihr die Brust und laß mich
küssen.
Ich werd' es lange Zeit entbehren
müssen.

Wie ist es menschlich, daß man liebt,
was schwindet.
Ich muß es leise für mich her mir
singen
wie Glocken fern und ferner noch
verklingen.

Ein letzter Ton - er zögert mir im
Ohre.
Ich lasse lächelnd ihn darin
verweilen.
Die Sonne sinkt. Ich muß mich schon
beeilen.

Hermann Claudius  Mspt  5.9.1973






Man kann es an sich selber nur
erleben,
was es bedeutet schließlich
taub zu sein.
Man horcht und mißversteht
und horcht nicht mehr.

Der Ohrenmensch wird langsam
Mensch des Auges,
und langsam lernt das Auge
mehr als sehn.

So nehmen meine Augen alles
wahr
und mit der ganzen Fülle
ihres Wunders
dem Worte nicht mehr
Mißverständnis sind
auch drängt sich keine Antwort
ihnen vor.
Es bleibt ein stummes, wie die
Blume blüht.


Hermann Claudius
Mai 1973
In: Ostholsteinischer Anzeiger; Eutin
    Nr.21  Okt.1978




            De Alsterquell.

Es bleibt doch nur das  E i n e ,
das in der Seele ruht,
das Meine und das Deine.

Ich scheue seinen Namen,
ob ich es nennen muß.
Es paßt in keinen Rahmen.

Es steht mir im Gedichte
verborgen hinterm Wort,
daß ich mich ihm verpflichte.

Es ist und bleibt das  E i n e,
das in der Seele ruht,
das Meine und das Deine.


Hermann Claudius - Mspt 1973






Der Weißdorn blüht
und läßt die schweren Zweige
weiß auf den grünen Rasen
niederhängen.
Wie sich die Dolden aneinander
drängen,
als müßten sie den Rasen
übertönen!
Doch alles bleibt ein lächelndes
Versöhnen.

Ich steh dabei und laß es
mich durchrinnen,
den Tag nichts Unbedachtes
zu beginnen.

Es hilft nicht viel,
denn da ist der Verstand
in mir,
dem Weißdorn unbekannt.

So will ich zwischen Ja und
Nein
nichts als der Weißdorn
überm Rasen sein.

Hermann Claudius  Mspt  3.6.1973






Wir sahen uns nicht.
Gudrun  P i l z  heißt die
Dame, in Holland zuhaus.
Auf ihrer Spanienreise
inmitten maurischer Pracht
hat sie meiner gedacht
und geschrieben.

Ich darf sie schon lieben,
wie sie meine Verse liebt.

Es ist wichtig, daß ich das
reime
und meinen Manuskripten
verleime.

Wir sahen uns nicht.
Auf ihrer Spanienreise
hat sie meiner
gedacht.

Hermann Claudius   Mspt  20.5.1973





Frühmorgens, trink ich
unsern  T h e e ,
gedenk ich der Chinesen
und leise auch an  L i - t a i - P e ,
der mir verwandt gewesen.
Ich setz die flache Tasse
an
und trink, so heiß ich trinken
kann.
Der heiße Thee: ich kürze
dann Schluck bei Schluck die
Würze.
Heute sind die Chinesen
nicht mehr das ferne Sagenvolk,
das sie uns Jahrtausende gewesen.
Alles jetzt  M a o , Tung-se ....
L i - t a i - P e ,
komm wieder, komme
wieder
und sitze bei mir
nieder
und nipp vom Thee so
heiß,
daß ich dich nahe
weiß,
trinke ich nun wie eh
frühmorgens meinen  T h e e .

Hermann Claudius  Mspt  9.5.1973









Maiwind im weißen Haar - -
ich möchte lieber Blume sein,
wie tausendfach Taraxacum sich weitet
hin übers Gras ein heller Jubelschrei,
ein Übersichvermögen voller Lust.
Und ohne alles Mühn.

Vielleicht bin ich nur dumm:
was weiß ich denn vom Sinn Taraxacum?

Verzeih mir, mein Gedicht!
Bist du was anders denn, als wollt'
ich blühn?
Als müßt' ich blühn. Es läßt mir
keine Ruh.

So leg' ich mich ins Gras und
sage  D u
und - warum sollt' ich's
nicht? -
in deine Blütenfülle steck ich
mein Gedicht.

Nicht das Papier - o nein! -
Es soll nur wie ein Summen um dich
sein
und deine stumme Gottes-Überfülle.

So seid ihr beide miteinander
stille,
Taraxacum.
Vielleicht sieht  G o t t
sich lächelnd nach uns um.

Hermann Claudius -  Mspt  4.5.1973








N a c h t  -  und Nebel fallen
schwer,
du siehst kaum Hand vor Augen
mehr.
Du bist nur Du und Du allein
ein Atem nur und ohne Schein
uralt - uralt,
Urnebelher gewachsene
Gestalt.
Und nicht Gestalt, ein Schweben
nur
und ohne Weg und ohne
Spur
Nichtsein. Dem Nichtsein zu
entlasten,
mußt an dir selbst du
niedertasten,
damit du wieder weißt,
du  s e i s t .

Nacht - und Nebel fallen
schwer -
du siehst kaum Hand vor Augen
mehr.
Ein Stück, ein irrgewordenes
Stück - - ins  U r  zurück, ins  U r ,
ins Glück.

Hermann Claudius   Mspt  26.10.1973






Zum Fünfundneunzigsten mein
Ledersessel:
er ist gefedert sehr, als ob ich
flöge
und halbwegs schon gen Himmel
zöge -
und meine Worte flögen mir
vorauf.

Doch bin ich alt genug und passe
auf.

Ich spür' es oft in meines
Schreibens Zügen,
daß Wahrheit sich verwirrend eint
mit Lügen.

Man mag auch Irrtum sagen. Das
ist feig.
Da ward das Backwerk schleifig dann
im Teig
und kein gesundes Brot mit krosser
Rinde,
wie es einst schmeckte schon dem
Kinde.
- - - - - - -
Ich wiege mich im Sessel hin und
her
und fühle mich gelind umfangen
sehr
und lehne mich zurück und träume
und fühle, ohne daß ich mich
versäume
mit Fünfundneunzig
ledern - polster - schwer.

Hermann Claudius - Mspt  23.10.1973









Am letzten Oktober 73
ein noch sonniger Tag
Mein 95zigster
ca. fünf sechs mal vorüber
noch im Blut als ein leises
Fieber
Viel Gerede von Menschentum
- - scheußlich: es reimt sich
gleich Ruhm.

Auf der ich zuerst wieder
tippe,
meine Olympia ward überholt.
Dichtet sie jetzt besser
als ich?
Wer überholt mich?

Man kann es noch immer
nicht lassen,
das  A l t e r  allein zu
lassen.
Töricht und weise
hieß mein letzter Band.
Ich sag es nur leise.

Hermann Claudius  -  Mspt

1974-1976    logo groß


Am 30. Hochzeitstag
8.8.1974

Was 30 Jahr sich nicht verließ
gehört am Hochzeitstag zurück
ins Paradies.

Ein Stückchen Eulenspiegelei
- Karl Schöning ist ja auch dabei -.

Zu Mölln, wo Till begraben
kopfüber an der Mauer
da wollen wir uns laben
und unser Hochzeitsessen haben.


Hermann Claudius
In: Ostholsteinischer Anzeiger; Eutin
    Nr.21  Okt.1978





Selbst die  E s p e  rührt kein
Blättchen mehr.
Und ich wag die Feder kaum zu
führen
ganz die Stille in sich selbst
zu fühlen.

Ohne Atem ist die Abendluft.
Wie vor Augen mir die Mücken
spielen,
tausendfach die unzählbaren
Vielen,
wie im Wirbeltanz unheimlich
still.

Atemlos geht alles in mich
ein
meiner Seele Schleier sacht zu
heben.
O du Gott-Geheimnis: worteleer.
Selbst die  E s p e  rührt kein
Blättchen mehr.

Hermann Claudius  -  16.9.1974
Manuskript  S.9



Der Spatz

Der Spatz ist fort, der auf dem Zweig
am Apfelbaum sich wiegte.
Der Zweig, der schaukelt noch.
Ich schau ihn an.
So schaukelt, was ich schrieb,
noch eine Weile, wenn ich fortgeflogen,
wie jener Zweig, auf dem
das Spätzlein saß.

Hermann Claudius
für Gudrun Pilz
Hohwacht - Juni 1975
In: Der Rosenbogen. Baden-Baden. 3/1976  S.32





Wihnachen!

Würklich: nu hett dat sneet,
hett sneet.
De lewe Gott weet
Bescheed:
Wihnachen brukt sin
Wihnachenkleed.
Un de Stormarner brukt
min Gedich',
anners geit dat nich.

Ick schriew grad to:
dat Jesuskind in de Krüff
op Stroh,
Maria un Joseph darto
un de Esel ok un de Koh.
All wat an Dannenbööm
in de Hahnheid drööm,
mutt nu in de Stuw op'n Disch.
Lich' bi Lich', dat is
an sick en Gedich'.
Un denn dat Schenken, dat
Schenken! Een kann garnix anners
mehr denken.

De Ladens sünd proppenvull.
Dat is rein wihnachendull!
Un dat sneet noch un sneet.
De Lewe Gott weet
Bescheed.
Un so is nu datt:
to Wihnachen snackt He Platt.


Herm.Claudius,
Grönwohld
23.XII.76
In:  Heimatzeitung
     Kreis Stormarn
      24.12.1976





Kathrinchen

Kathrinchen ist Lebendigkeit,
ob sie nun spricht,
ob schweigt,
ist Geige ohne Bogenstrich,
die aus sich selber
geigt.
Kathrinchen ist auch ein
Vögelchen,
das ohne Flügel
fliegt,
sie ist gleich einem
Engelchen, das ohne Kämpfen
siegt.
Sie ist dem Manne
zugetan,
dem Besten, was ihn
hält.
Kathrinchen und ihr
Heinerich,
das ist die runde
Welt.
Kathrinchen ist Lebendigkeit,
ob sie nun spricht,
ob schweigt,
ist Geige ohne Bogenstrich,
die aus sich selber
geigt.

Hermann Claudius
zum 19. Mai 1976
(Mspt für Heinrich Schmidt-Barrien und seine Frau Katharina)







Der Dichter in mir ist nicht
totzukriegen.
Sie werden morgen kommen,
Gudrun und Horst, die lang
wir nicht gesehn.
Er hat in Hamburg wohl - ich
weiß - Geschäfte.
Der Dichter in mir ist nicht
totzukriegen.
Da sehe ich sie nicht gemächlich
kommen,
sie tanzen lächelnd über unsern
Rasen.
Er schwingt die Arme hoch, und
sie nicht minder,
Gudrun, die mir den Ruhmeskranz
ums Haupt gelegt.
Und Gisela? Zwei Tage wirkt
sie schon
mit Wischen, Backen, Kochen,
Sträuße schneiden,
das neue Kleid hängt schon im
Schrank.
Jetzt aber ist sie Ruh, des Vaters
Ruhe,
wie er sie geprägt.
Nun reden sie gar viel. Ich laß sie
reden.
Und Gisela weiß: sonst halte
ich nicht auf.
Der Dichter in mir ist nicht
totzukriegen.

13.X.76
 (Das Willkommen-Gedicht
für Horst und Gudrun Pilz)





Der Herbst spinnt sich mit
tausend Wundern ein
im Garten rund und rings auf
allen Wegen.
Spinnweb auf Spinnweb birgt
sich vor der Sonne,
als seien sie in Finsternis
zuhaus.
Du siehst die Spinnen nicht, die
unsichtbarlich Fäden
hingezogen,
wunder-gebärend millionenfach.
Das Grau der Winternacht steckt schon
darin.
Dein scharfer Blick wagt sie nicht
zu ertasten.
Er kann es nicht, ist schon der
Wunder fremd.
Und wird ihm immer fremder.
Der Herbst spinnt sich mit
tausend Wundern ein
im Garten rund und rings auf
allen Wegen.

1976





Allein in meiner Giebelstube
sitze ich und schreibe -
schreibe -
auf daß ich bleibe?
Bin ich fromm?
Aber, wenn ich schweige -
leer lasse das weiße Papier -
bin ich feige?

Oder bin ich nur das Instrument,
die Geige,
auf der das Schicksal
spielt?

Ich neige mich.
1976

1977   logo groß



Da steht's: Auf Wiedersehn!
Was ist des Menschen Wollen?

Ein leichter Schlaganfall.
Du liegst im Krankenhaus durch
Wochen schon,
Horst Pilz - und Gudrun
wartet dein.

Wie Du doch, Horst,
eben vor einem Jahr
über den Rasen tanztest zu mir hin,
G r ö n w o h l d  in Stormarn,
großmächtig Dein Kopf im plusterweißen
Haar.
Wir lagen uns in Armen.

Da steht's von Deiner Hand:
Auf Wiedersehn!

Was ist des Menschen
Wollen?

3.3.77
Armantje




               Gisela!
            zum 29. Mai 77
           
           
            Dein Geburtstag kommt:
            sechzig und zwei!
            Einerlei, Du bist dir selber
            Dein Mai.
            Im Garten, im Haus, drinnen
            und drauß
            schaut es festlich aus:
            Die Syringen - weiß und blau -
            blühn
            und die ersten Spargel sind
            da.
            Dein Rhabarber ist so voll,
            daß ich nicht mehr weiß,
            wo er mit seinen Stangen
            bleiben soll.
            Und - ein Stück vom Glücke:
            in dem alten Knicke
            singt, schmetternd die Grasmücke
            beinah wie die Nachtigall.
            Und Dein Goldlack das Beet
            entlang -
            ist ein Farben-Gesang.
            Was singt der: Ja - ja -
            Geburtstag hat Gisela.
            Sechzig und zwei
            Einerlei! Du bist Dir selber
            Dein Mai
            und mir im Gedicht -
            blond von Haar -
            Ich krieg es so blond
            nicht klar

            Armantje
           
            Mspt






      Dir!

Durch Dich ward es mir
offenbar:
Du gabst mir mehr, als
ich noch war,
Dein blondes meinem
weißen Haar.

Du gabst mir Rang,
Du gabst mir Ruh.
Ich ward durch Dich,
durch mich wardst
Du.

Und Gott im Himmel
sah uns zu.

A
Mai 77
 (Mspt)





Zu Hohwacht auf dem Fliesenweg
zwischen lauter Zement
zwei Marienblümchen lächeln
überhin die nackten Fliesen
gleich einem Gruß aus verlorenen Paradiesen.
Da stand ich alter Mann
und sah's mir an
und sah's mir an,
weil's meiner Seele wohlgetan.

Hermann Claudius 1977
In:  BILD-Hamburg. S. 6  vom 24.10.1977





Grönwohld
Montag, IV. 77

Lieber Gustav,
Es ist doch schön, wieder in meiner
Giebelstube zu sein, auch Du bist
da im Schweigen.
Hier schreibe ich das Uhr-Gedicht ab, das
ich Dir widme und Deiner entzückenden
Frau und Töchterlein Gudrun

Das Uhr-Gedicht

Im Bauernhof beim Präsidenten Galle
aus alter Freundschaft zum Besuch saß
ich in seiner holzgedeckten Stube
und sah die weißen Wolken draußen
durchs Blaue ziehn - - -
und ging - wie's mir so ist - so
langsam mit.
Auf einmal aber fiel mein Blick in eine
düstre Ecke vom Fenster links - -
und da stand eine Uhr - nein! -
uralt eine Uhr gewaltig.
Der Perpendikel - schwer - sekundenweise
genau ging er unweigerlich,
als ginge er in alle Ewigkeiten.
Viel goldgeziert sah man nicht
die Gewichte graubleiern grob, die
alles erst bewegen...
sekundenweise hin und wieder her.
Sie, meine Seele, sachte ging sie mit -
unweigerlich in alle Ewigkeiten - -
als sei ich nur noch sie.
-  -  -  -  -  -
Die Feder sinkt.
Ich faltete die Hände.

Dein
Hermann - Armantje

Für Dr.Gustav Galle, 4542 Tecklenburg, ins Gästebuch dort gelegt. - April 1977
[Dr.Galle starb am 31.12.1991]

1978    logo groß


Ihr habt mein Lied gesungen:
Wir schreiten Seit' an Seit'.
Es ist noch nicht verklungen
auch in dieser Zeit.

Es war vor all den Kriegen
der Menschheit zugedacht.
Es haben all die Jungen
einander zugebracht.

Es klang in Kopenhagen,
in München und Berlin,
in Prag, in Köln, in Riga,
in Danzig und Stettin.

Und wo ich immer hauste,
sie fanden meine Tür
und sangen: Wann wir schreiten!
So war es für und für.

Ich sing es bei mir leise,
als müss es doch geschehn,
daß Mensch zu Menschen singend
zueinander stehn.

Ich hör es noch im Grabe
auch hundert Jahr nachher
und werd' es mit euch singen.
Und mein Grab ist leer.


Hermann Claudius
In: Ostholsteinischer Anzeiger; Eutin
    Nr.21  Okt.1978



Uns Sprak

uns plattdütsche Sprak
bliew du uns wak
du büst den leewen Gott sin Sak

Hermann Claudius
In: Ostholsteinischer Anzeiger; Eutin
    Nr.21  Okt.1978



Hohwacht

Wie sich die Wogen
jauchzend überbrücken
mit weißen Schleiern noch
im Sturz sich schmücken

ununterbrochen aus der
dunklen Tiefe
daß ihre volle Kraft
nicht länger schliefe

Es wartet mir zu Füßen
weit der Strand
und ebbend Wog' um Woge
verrieselt eingesogen
in den Sand


Hermann Claudius
Hohwacht
In: Ostholsteinischer Anzeiger; Eutin
    Nr.21  Okt.1978



... du hast alles gut vollbracht.
ich sage das etwas beschwert,
ich habe alles halb gehört.

Mich selber gab ich ganz!
Ich gab mich hin,
das war ja auch der Tagung Sinn ...


Hermann Claudius
Hohwacht
In: Ostholsteinischer Anzeiger; Eutin
    Blätter für Heimatkunde
    Nr.21  S.82  Okt.1978



Ol Eutin

Eutin - dat hett sin ole
Kark
un hett an' See sin
Slott.
Un schient de Maan to
Middernach',
geit dor de lewe
Gott.

Un Rosen, Rosen Mur bi
Mur
un richtig in de
Rill
as luern se noch,
luern,
wat dor noch kamen
will.

Un dor achter' ant Finster
lütt
sitt Een un hett dat
swör:
Jan Hinrich Voss,
de Dichter.
Un bi em steit
H o m e r .

Eutin dat hett sin ole
Kark
un hett an' See sin
Slott.
Un schient de Maa to
Middernach',
geit dor de leewe
Gott.


Hermann Claudius
In: Ostholsteinischer Anzeiger; Eutin
    Nr.21  Okt.1978





See un Sünn un Sand
en Stück Waterkant

Sand un See un Sünn
in Sick binners bin

sülven Waterkant
un in Gott sin Hand


Hermann Claudius
In: Ostholsteinischer Anzeiger; Eutin
    Nr.21  Okt.1978




Der Tod saß mir im Nacken
diese Nacht
und hat mich um den Schlaf
gebracht

Was willst du nur jeden Morgen
erwachen
zu ewig den alten Sachen

Der Große Morgen ist dir
bereit
Wenn Stunde nicht mehr gilt
noch Zeit

So sprach der Tod an Bettes
Bort
Ich wachte auf,
da war er fort.


Hermann Claudius
In: Ostholsteinischer Anzeiger; Eutin
    Nr.21  Okt.1978




Pingsten!

Dat Vörjohr ward nu richtig klor:
uns ole Stork is wedder dor!
Uns öwert Dörp dor seil he her,
wat sin ol Nest noch seker weer.
Wo breet he sine Flögels dreih:
nee, nee, dor weer noch nix vun twei.

Nu steit he, sick dat antosehn
un steit dor op sin roden Been.
Is he de Fru? Is he de Mann?
Een kümmt de anner achterran.

He flög int Feld mi öwern Kopp.
Mein Gott, dat reg mi würklich op:
De Stork is dor! Nu man keen Bang'!
Nu kriegt wi Pingsten ok in Gang'.


Herm. Claudius
In: Stormarner Tageblatt
    mit Zeichnung vom Storch,
    nachgedruckt 24.10.1978

1979    logo groß


Es geschah: als ich vom Nachtschlaf
erwachte,
war ich noch  d a .

Die Sonne leuchtete ins Fenster
ein freudiges  J a .
Und ich sang es mit, leise
verwundert: jetzt über hundert!

Oben macht meine Giebelstube
kein erstauntes Gesicht,
daß ich mich setze, zu tippen.
Es kommt mir nicht von den Lippen,
nein.
Es soll nur innen gesungen sein.

Zu Lütjensee in der Kirche
liege ich aufgebahrt - zart,
feierlich.
Der Probst breitet die Arme:
Im Namen des  V a t e r s , des  S o h n e s
und des Heiligen Geistes
läßt er mich auferstehn.
Die Gäste werden nach Hause gehn
oder fahren.
Es ist seit Jahrhunderten das
gleiche Gebaren.
Daß ich ihr
großer Dichter gewesen,
mögen sie in ihren Zeitungen
lesen.

Immer noch unbekümmert der Sonnenschein
in meine Winkelstube hinein,
in der ich dieses schrieb,
als ich erwachte und wußte,
daß ich noch  b l i e b .

25.8.1979




Die Mozart-Treppe
oben hin
verlor nun ihren
frohen Sinn.
Die blöden Beine
bleiben stehn
und wollen nicht
zur Arbeit gehn.

Ich grüße sie - ach -
als ein Mann,
dem sie so oft doch
wohlgetan.
Hier tu ich mir nur
selber wohl.
Das aber klingt mir
leer und hohl.

Wenn meine Mozart-Treppe
nicht mehr spricht:
Armantje, das wird
kein Gedicht.


Juli 1979






Oktoberwind!

Oktoberwind!

Noch laubvoll meine Eichen sind.

Ich wackel drunter hin und her,
als ob ich auch voll Laub noch wär.

Oktoberwind!

Oktoberwind!

Ich bleib' mein Leben lang
noch Kind!

Oktoberwind!

Oktoberwind!

Hermann Claudius
18.10.1979

In:  BILD Hamburg. S. 8  vom 19.10.1979









Lew Stormarner Blatt!

Ick lees in di öwer mi
männig lustigen Snack.
Un nu schriew ick di
noch min Leed op Stormarner
Platt.

Ick bün ja noch dor
un halfwegs klor ...
Jo, mit en lütt Stück
H u m o r.

De kümmt nich vun alleen:
dor mutt Gott dorbi
we'n.

Dat deit He denn sachen.
Un he lacht. Un ick mutt
mitlachen.

Dat steit hier twüschen de
Reegen!
Hewt ji dat klok kreegen?

Tschüs, min ol Blatt.
Letzt hest Du't nu
hadd.

18.8.79  Grönwohld
In:  Stormarner Tageblatt. S.21  vom 25.8.1979





Das alte Schöning-Haus mit
Pferde-Giebeln,
mit seinem Wunderwerk von
Dach,
von einem letzten Könner
reet-geflochten
tief mauer-über, man
kann fast drunter
stehn.
Und seine eichenen Pfähle,
die es halten.
Und immer wieder fühle ich
sie an.
Ich spür es noch,
wie sie
im Forst gewachsen.
Sie lassen’s starr geschehn,
sie rührt nichts an,
der Lärm der Straße rast
weitab vorbei.
Spür‘ ich mit sachten Fingern
nun die Borke
- und fromm, so muß ich
sagen –
ist es mir, als spürt ich durch
mich durch, wie ich gewachsen
und so verborkt wie sie
und lächel wohl . . .

Hermann Claudius
10.12.79
In: Heimatkalender für die Lüneburger Heide 1981 S.31

1980      logo groß


Laudation
zum 29. Mai 1980
für Gisela Kükele
geb. von Voigt

Da steht’s: 65! Da fängt das
Alter an. Aber Du bist noch
reihum blond.
Dein Geist ist wach,
und mit mir Weißhaarigem
brachtest Du die
Jubiläums Gabe heraus
Du stehst
mitten drin als
Königin ..

So gratuliere ich Dir
Noch bin ich ja da!
Aber – hernach?
Da sei der Tag ganz Dein Tag!
Heimlich – ab und zu –
bin ich dabei, wo es wichtig
sei.
Juchhei! Gisela Kükele
geb. von Voigt
Wie die Feder mir wogt.
Laudatio
und weiter so – und weiter
so

Dein Armantje
(Manuskript nicht eindeutig übersetzt!!)




Die Schwalben sind da, die Schwalben!
Der Himmel ist nicht mehr leer.
Vor unserm Küchenfenster
flitzen sie hin und her.
Die weißgereckten Brüste,
die Schwänzchen fliegespitz.
Die Äuglein voller Lüste.
Sie schnäbeln ihre Nester
wie immer Jahr vor Jahr,
als seien sie mit sich selber
doch noch so recht nicht klar.
Sie werden es schon machen.
Der Himmel ist nicht mehr leer.
Vor unserm Küchenfenster
flitzen sie hin und her.


Hermann Claudius
In:  Rundbrief, New York
     49.J  Nr.2  S.12  Febr.1980






Wir gehn am Strande, Gisela und ich.
Es liebkost uns der Sand, als wäre
es schon das letzte Mal, daß wir ihn gehn.
Kurz denkt der Sand von Welle hin zu Welle.
Und unsre Seelen lächeln nur dazu.
Gisela führt mich, daß kein Stein mich schrecke.
So wandern unsere Blicke in die Weite
des Silbermeeres ohne Horizont.
W o h i n ?
Wir sind uns selbst die Frage,
die ihre Antwort in sich trägt.
Wir gehn am Strande, Gisela und ich.
Es liebkost uns der Sand.
Und wir - wir ihn.


Hermann Claudius
In:  Rundbrief, New York
     49.J  Nr.2  S.12  Febr.1980



In' Mai

Ick will blots dütt vermellen,
de Blöm sünd nich to tellen,
de op de Wischen lücht.
Se stat dor alltosamen,
du weeßt man knapp ehr Namen,
so schön se di ok dücht.

Dat hett de Mai di schapen.
Nu mak din Ogen apen,
wiet op, dat ra' ick di.
De Dannen un de Eeken
speelt noch mit di Versteken.
Un gau is dat vörbi.

In' Knick dor blöht de Fleeder.
De Lark de singt ehr Leeder
wull in de blage Luft.
Un büst du olt an Johren,
sett di in dinen Goren
un rük den söten Duft.


Hermann Claudius
In:  De Rinkieker. Grönwohld
     Nr.1  April 1980





Und bin ich tot,
bist du allein.
Doch werd' ich immer
um dich sein.

Nicht mit dem Wort,
mit der Gebärde,
doch bin ich dir
die Gotteserde,

draus Halme grünen,
Blumen blühn
mit lieben Augen
keck und kühn.

Und bin ich tot,
bist du allein.
Doch werd' ich immer
um dich sein.

Armantje
7.3.1980





Grönwohld

Grönwohld heißt das Dorf. Wir beide
schau'n dort auf die Hahnheide
aus dem Giebelfenster her.

Dunkel stehen die fernen Tannen.
Golden wiegen ihre Grannen
Gerstenähren voll und schwer.

Grönwohld heißt das Dorf. Hoch oben
- laß mich deinen Himmel loben! -
weiße Wolken zieh'n durchs Blau.

Wie sich auch die Tagzeit stundet,
immer bleibt das Bild gerundet:
Himmel, Hügel, Wald und Au.

Grönwohld heißt das Dorf. Inmitten
gelten bäurisch noch die Sitten.
Ruhig sind noch Wort und Schritt.

Wird es Abend, will es nächten,
kommt der Mond und sieht zum Rechten.
Und die Sterne wandern mit.


Hermann Claudius
In:  De Rinkieker. Grönwohld
     Nr.3  September 1980

posthum      logo groß




De ole Boom to Grönwohld

Ne'm sick de Weg na Trittau bögt,
dor stunn en Boom so slank!
Wat hett de Boom mi jümmer högt,
keem ick den Weg henlank.

De leef ol Boom - ick finn' em nich.
Dor warr ick dat gewohr:
de Saag de snä' em int Gesich',
de Äx de dreep em swor.

Nu weent de Boom, nu weent de Weg.
Ick mag em nich mehr gahn.
De Boom de harr sin godes Rech',
so stolt an' Weg to stahn.


Hermann Claudius
In: Grönwohlder Chronik; zur Begradigung der Straße nach Trittau
abgedruckt in:  De Grönwohlder Rinkieker Nr.10 / Juni 1982  S.8





LEISE, LEISE -
auf meines Lehnsessels Rückenwand
kriecht eine ganz kleine Ameise
immer hin und wieder her,
als ob sie nirgendwo zuhause wär.
Ich zerdrücke sie nicht.
Sie ist länger auf der Erde
als ich Menschenwicht.

Und laufe ich nicht wie sie
immer her und hin,
ob ich gleich in meiner
Giebelstube zuhause bin?
Ameise klein,
nach wenig Jahren wird es schon
anders sein -
Dann ruhe ich
unterm Stein.

Leise, leise -
auf der Rückenlehne meines Sessels
kriecht eine ganz kleine Ameise.


Hermann Claudius
In   Rundbrief New York
     52/53.J  Nr.1  S.12  Dez.1983/Jan.1984

andere Fassung 1976:

ab Zeile 13
Ameise klein ...
nach wenig Jahren ...wird...
anders sein - o ja! -
Dann ruhe ich zu Lütjensee
unterm Stein
wieder Erde zu werden,
davon ich kam.

Leise ...






Deutsche Weihnacht

So ist es immer gewesen:
In Winternacht
haben wir Deutschen des
heiligen Lichtes gedacht.

So ist es immer gewesen:
Wenn Hoffnung schwand,
standen wir Deutschen heimlich
Hand in Hand!

So ist es immer gewesen:
Ward Weisheit blind,
beteten wir Deutschen
zum heiligen Kind.

Denn wir finden zu den
heil'gen Truhen
unsrer Ahnen nur auf
Kinderschuhen.

So ist es immer gewesen:
So soll es ein.
Dessen wollen wir weih-
nachtlich fröhlich sein.


Hermann Claudius
In:  Wiener Sprachblätter, Wien
              36.J  H.4  S.122  Dez.1986





      Pfingsten!

Pfingsten! Laßt das Lärmen,
laßt die laute Stadt!
Wandert in die Weite,
trinkt euch augensatt!

Seht die Knospen schwellen
heimlich Blatt und Blatt
leuchtend wie ein Lächeln,
das noch Glauben hat.

Pfingsten! Laßt die Seele
tiefen Atem tun,
daß es ihr nicht fehle,
in sich selbst zu ruhn.


Hermann Claudius
In: FS  Nr.22  S.5  vom 2.6.1990




Grönwohld

Und sei´s am Weg ein alter Baum
und sei´s ein winklig Zimmer:
die Heimat ist des Herzens Raum
immer wieder und immer.

Und sei´s die Rose, die du brachst
schon mit geheimem Bangen
ihr Stachel, daran du dich stachst,
als einst du fortgegangen.

Und sei es deiner Spache Laut,
im Ohr dir noch geborgen,
daran die Seele sich erbaut
und hofft auf ihren Morgen.

Und sei´s am Weg ein alter Baum
und sei´s ein winklig Zimmer:
die Heimat ist des Herzens Raum
immer wieder und immer!


Hermann Claudius
In: Gemeinde Grönwohld
1998

undatiert   logo groß


Niemals wird es rein gelingen,
all mein Singen.
Niemals ist es rein gelungen,
was gesungen.
Und so bilden um die Wette
wir der Unerfüllten Kette
Glied um Glied und eins am andern –
Und ist doch ein selig Wandern,
weil zu ihrer Zeit und Frist
Gottes Hand darüber ist.


Hermann Claudius
(aus dem Manuskript)




Wunner

Plant en lütten Boom in de
Eer
prick, dat sien Wörteln dat
licht hefft.
Un tööv bi Sünn un Regentiet
un süh: de lütt Boom wasst.
Harrst du en Stück Holt insteken,
fuult dat.
Dat weeßt du.
Man du weeßt gornix.
Dor is en  W u n n e r  togang´n,
wat dat fuult oder wat dat
wassen deit
un gröön maakt un blöhn maakt
un Appel oder Beern driggt.

Twüschen use Spraak un
dat Gedich´,
wees nich to klook,
is dor dat Wunner nich ok?

Hermann Claudius





Drei Rosen im hohen
Wasserkrug,
gelb die eine, die andern
rot,
noch nicht voll in der
Rundung,
mitten auf dem Tisch.
Ich sitze und schaue sie
an
als der schreibende
Mann,
der sie halten möchte im
Wort.
Sie aber sind stumm und
werden es bleiben.
Einst werde ich es für
Andere sein
wie
Duft der Rose,
die nicht mehr ist ...
für eine Frist, ja, eine Frist.
G o t t  aber ist.

Hermann Claudius
Manuskript  S.9




Auf einem grauen Stein
kriecht eine Wegeschnecke langsam
sehr.
Ihr Schneckenhaus nimmt sie im
Rücken mit.

Ich fühl's ihr nach: ihr Haus,
das nimmt sie mit.

Wir eilen alle, eilen auf
Autostraßen, überhin den Wolken.
Kaum Einer weiß das Haus,
das ihn gebar,
ein Loch in unserer Seele.

Gott ist das  L a n g s a m , daraus
alles ward.

Auf einem grauen Stein
kriecht eine Wegeschnecke langsam
sehr.
Ihr Haus trägt sie im Rücken
mit sich fort.

Hermann Claudius - Mspt







Ich sage es still für mich:
die Feder in meiner Hand
ist oft klüger als ich.

Ich darf nicht weise sagen,
das wäre zuviel.
Alles, was wahrhaft,
ist ohne Ziel.

Auch meine letzten Gedichte.
Als schriebe sie in mir ein
Andrer,
der Wandrer durch mich,
nicht ich.
Laßt mich Seele ihn nennen.
Wir wissen nicht, wie.

Sie bleibt eine Melodie,
die uns treibt,
daß man die Gräber schmücke.

Auch mein Gedicht
füllt eine Lücke.
Es sagt schon zuviel:
alles ist ohne Ziel.

Hermann Claudius
Manuskript  S. 13




Ein Mückentanz am Abend
des Oktober
dicht über mich
und jähling hin und her
und auf und ab
ein Zeugungswirbel
ur-elementar
wie er am Anfang alles
Lebens war
und überall noch sucht,
sich zu erzwingen.

Er steckt mir sehr im Blut.
Ich fühl es ganz
und steh und staune
in den Mückentanz.







Es kommt die Nacht.
Ich blicke in die Sterne,
schau der Plejaden Wirbel:
ganz
wie eben über mir
der Mücken Zeugungstanz.

Hermann Claudius   Mspt




Im Weltall alles umeinander kreist.
Die Seele nicht.
Sie ist ein Licht,
das in sich selber weist.

So wie die Lilie draußen blüht,
auch, wenn sie niemand sieht.
So wie ein Kind bei sich nur ist,
das sich im Spiel vergißt.

Dem Ungelösten sich zu geben,
das in dir keimt,
ist erst das Leben.

Wenn auf dem Teich die Wasserrosen
blühn - -
was soll ich mich um ihr Geheimnis
mühn,
aus trübem Schlamm ins Reine
aufzusteigen?
Die Seele weiß und wußte,
was ihr eigen.

Hermann Claudius  Mspt






Ein schlichtes Gedicht,
mehr nicht.
Der Schneesturm hatte im Glashaus
oben die Scheiben zerbrochen.
Wir schrieben an die Fabrik.
Er kam, ein Herr, weiß von
Haar, hinten lockig,
lustig von Blick,
stieg auf die schwanke Stahlleiter,
zwängte, drückte und schob,
schrob und kittete
einen Nachmittag lang.
Mußte fort. Sitzung.
"Karfreitag komm ich wieder!"
Indem er Gisela ansieht: "Karfreitag?
G o t t  sieht auf mein Herz.
Und das ist immer dabei!"

Gisela erzählte mir's gleich,
heilfroh.
Und ich schrieb diese Reime
ebenso.

Hermann Claudius
Manuskript  S.62





Sternklare Nacht.
Das Dorf liegt dunkel.
Ich lehn an der Pforte,
den Kopf zurückgelegt,
und schaue.

So schauten die Alten auch,
ehe Städte kamen,
Sternenbildern gaben sie
herrliche Namen.

Ich weiß noch ein paar:
Cassiopeia, Orion, die
Plejaden.
Der Mond blieb mir näher
als sie.

Mir ist, als ständ' ich
einsam auf dunkler Erde.
Mir ward die Sprache,
Sterne bleiben stumm.

Sprache haben sie nicht.
Aber ich sang ihnen mein
Gedicht.

Hermann Claudius
Mspt  S.5





Mein bestes Gedicht -
voll wie ich es empfangen,
gab es mir sich nicht.

Die Worte sind zu schwer.
Ich holte sie aus dem Alltag
her
mit Mühen.

Nun sollen sie aus sich selber
blühen
auf ihre Art.

Es ist hart,
Dichter zu sein,
Worte zu wagen,
in sich zu tragen
und zu gebären -
wie eine Mutter ihr
Kind.

Gedichte  s i n d .

Hermann Claudius
Mspt  S. I






D a s  gibt es noch.
Ich muß es sachlich sagen.
Am liebsten schriebe ich es
als  C h o r a l .

Die Kellertür - draußen die Treppe
runter -
ein umgesackter Balken hatte
sie verstopft.
Kein Schlüssel nützt, doch muß
ich Wasser haben
und unsere Regentonne wieder
füllen.

Ruft Gisela  L i l i a n e ,
die schlanke Nichte, eben siebzehn
Jahre,
saß überm Griechisch, darin sie
Koryphäe,
springt auf und faßt sich kurz
und klettert durchs schmale
Kellerfenster
in den Heizraum,
und klettert zu dem Balken und
h e b t  ihn fort.
Die Kellertür ist offen.









Er kam zu mir mit Sack und
Pack auf dem Rücken.
Wir drückten uns die Hand.
Ein alter Wandervogel
vom Rhein.

Was wollte er?
In seiner Kiste war  G i p s ,
er wollte meine - nicht
Totenmaske machen, sondern
des lebendigen Dichters,
dessen Lieder sie sangen.
In ihrer Gesellenstube
sollte die Maske hangen.

Ich sah ihn  an und sagte für mich:
"Lieber  G o t t ,
sei nicht weit!
Bewahre mich
vor meiner Eitelkeit!"

Damit war alles zu Ende.
Wir schüttelten uns die
Hände.

Hermann Claudius
Mspt  S.4











Die Armut - ja, hat ihre
Heiligkeit.
Ich habe sie als junger Mensch erlebt,
wenn ich ein Brot nur hatte
für den Hunger.
Allein der Hunger
adelte das Brot.
Wenn ich die Straße lief ins
Seminar
und sah die Frikadellen alle
liegen
der Kellerwirtin nach der Straße
zu -
lief mir das Wasser wohl im
Mund zusammen.

Sie sind noch heute meine
Lieblingsspeise.

Der Wohlstand - wir sind alle
mittendrin -
er ist wohl schön.
Doch  A r m u t  - ja, hat ihre
Heiligkeit, ihr
B e t h l e h e m .

Hermann Claudius
Mspt  S.6





Halb Traumgestalt und
zwischen Schlaf und Wachen
erschien der  H e r r g o t t  mir
und wolkenhaft,
taumelnd ein Riese, überriesengroß,
seine Arme übermächtig gebreitet
um der Gestirne Prangen
um  I H N  her,
aber als ob  E R  ihrer gar nicht eigen
mehr wär',
gleitend, als müsse  E R  in dem
Prangen
selber Sich fangen.
Siehe, Sein Haupt verlosch,
ward Wolkenball
allüberall
Wolken-Ozean.
Alles schien dennoch ungetan.

Mein Traumbild ward wach.
Ich langte schwach
nach meinen Händen.
Sie lagen gefaltet
in meinem Schoß.


Hermann Claudius
Mspt  S.52






M a r c e l  M a r c e a u -
ich muß den Namen nennen,
des seltnen Mannes, der durch dreißig
Jahre
vor fünfundvierzig Völkern auf der
Bühne
und tausendfach sein Menschsein pantomierte.

Er ganz allein durch seine Gesten, Miene,
durch die Beseelung bis in seine Finger,
der Pantomime völlig hingegeben.

Und ohne Wort, nur Augen-Leibessprache,
unmißverständlich, Seele nur zu Seelen.

So sah ich ihn und fühlt' mich
neugeboren
und leicht und frei als höben mich
schon Flügel
wie einen Schmetterling.

Wie er ihn sah, betrachtete, ihn flattern
ließ um sich her, ihn fing und wieder löste
und flüchten ließ
als wären seine Hände - Marcel Marceau's -
Schmetterling geworden - - -
Wie er ihm nachsah - - lächelnd.
Ich schloß die Augen, um es mitzunehmen.

Hermann Claudius
Mspt  S.106












Heudiemen, vier Meter hoch,
blendende Junisonne.
Und ich warf mich hinein
hemdärmelig im Vorbei.
Würziger Duft um mich her.
Und ich atmete innig
tief ihn innerst mich ein,
steckte den Kopf noch tiefer
richtig die Nase ins Heu.

Alles vergaß ich umher,
was in der Welt mich verwirrte.
Urnatur um mich rund,
wie sie die Sense gemäht.
Zog einen Halm durch die Hand
bis an die trockene Ähre.
War meiner Seele wie Brot.

Und so lag ich getrost.
Tausend Jahre alt wühle ich mich
hinein,
tausend Jahre jung wie der Erdenball
selber.

Heudiemen, seid mir gegrüßt
und sein Häufner dazu,
der es sicher vermocht,
daß ich mich ungestraft wühle.
Duft, so hülle mich ein
in deinen ewigen Schlaf!

Hermann Claudius
Mspt  S.45







Was meine Seele rührt,
gehört zu mir.
Doch nenn ich lieber nur die
kleinen Dinge.

Die Schwalben unterm Dachsprung,
sie sind mein,
wie sie das Nest erklebten,
jetzt die Jungen
in freiem Flug voll Zärtlichkeit
versorgen.

Mein ist die Echse auf dem
Stein,
wo sie sich sonnt, rehbraun
mit hellen Streifen.
Schon dreimal stand ich da und
sah sie an.
Sie regte ihren Kopf, doch ich
hielt still.

Auch singt die Drossel oben
in der Eiche
bei Sonnenuntergang
melodiös.

Was meine Seele rührt,
gehört zu mir.
Ich nannte lieber nur die
kleinen Dinge.

Hermann Claudius - Mspt





Unter unserer Garteneiche
- sie ist jünger als ich -
steh ich und schaue hinauf
in das Maiengrün, dahinter
der Himmel blaut.

Die borkige Rinde entlang geht
mein Blick
- sie trotzt voll Kraft -
aber da ergreift mich das Wunder
der Zärtlichkeit der tausend
Blüten
zierlicher Filigrane, sich
wiegend im leisen Wind.

Der borkige Stamm, der alles trägt,
im Saft seines Bastes alles
versorgt,
dessen unbewußt - - -
ich lehne mich gegen ihn,
umfangen vom Wunder der Existenz
und streichele die Rinde,
so weich meine Hand es vermag  . . .
zärtlich.

Hermann Claudius
Mspt  hinter 6II







Ich muß mich mühn, daß ich
in Tiefen schäche.
Es ist, als ob die Schöpfung
an sich selbst sich räche:
die Menschheit wird zur flachen
Oberfläche.

Hand, Auge, Ohr, die Technik
löst es ab
von der Geburt, durch's Dasein
bis ins Grab.
Wir haben's eilig, Asphalt-Straßen-
eilig.
Dem Kleinkind schon ist nicht sein
Spielzeug heilig.
Der Meeresstrand - - da kommen wir
in Scharen,
die Stille zu gewahren.
Sie ist nicht mehr. Wir schwatzen,
lärmen sehr. Doch leer bleibt alles,
l e e r .
Es ist, als ob die Schöpfung
an sich selbst sich räche:
die Menschheit ward zur flachen
Oberfläche.

Hermann Claudius
Mspt  S.57








Es kann keine Weltordnung darin
bestehn,
leibnackt durch die Straßen
zu gehn
oder zu rennen.

Es trennt doch etwas mehr den
Menschen vom Tier
als das Fell,
das die Straßenflitzer über
den ganzen Körper
weisen
nicht nur an den geheimen
Stellen.

Es wird euch nicht gelingen.
Es ist eine größere Weisheit
über den Dingen
als nur das Ding.

L e b e n  von Zelle zu Zelle ist
G o t t  im  U r .

Glaubt es mir nur!

Hermann Claudius
Mspt S.58



Ich weiß noch Zeit, als keine
Autos fuhren.
Die Wege liefen krumm und zwischen
Knicks.
Der Mond war die Beleuchtung in
der Nacht.
Man konnte noch Himbeeren sammeln
und Brombeeren.

Der Knickweg links vom Haus, der
ist noch so.
Es werden Häuser kommen und
Garagen.
Und Autos werden durch die Nächte
blitzen.
Und wo der Knick war, flitzen
Stöcke elektrisch auf.

Ist nicht im Grunde not, denn
schnur-gerade
asphaltet jetzt der Weg. Im
Überwohlstand
gehört sich's so. Besser ist immer
besser.

Ich lehn mich hier an unsre alte
Eiche
und laß mein Auge längs den Weg
hinträumen.
Der volle Mond guckt zu. Wir
beiden  A l t e n
wir haben's gern und sinnen gern
zurück.

Hermann Claudius
Mspt S.59






Die Brosche, die du
schufest, Gisela,
aus Gold und Edelstein,
ist mehr als das,
ist Seele stumm in sich,
gleich Jener, der sie
gilt.

Dein Werk erdacht, erwirkt
stumm im Labor,
strahlt Glauben aus,
macht gläubig
jenem Glauben,
wie er mir im Gedicht
lebendig ist
im Wort,
im Worte leben sollt'.
So dir im Gold.

Hermann Claudius  - Mspt XII






Gevatter  T o d , du liebst die
Menschen mit krummem Rücken,
die sich im voraus vor dir schon
bücken.
Gestern war ein Freund bei mir,
buckelkrumm.
Er brachte es auch nicht fertig, sich
aufzurichten.

Dessen hab ich nicht not.
Mein Rücken ist noch nicht
steif,
daß unser  H e r r g o t t  mal drauf
pfeif.
E R  tut es auch. Ich hab es
gern,
wäre ich doch - einen Augenblick die
Flöte des  H e r r n .

[Gevatter  T o d , du hast kein
Gesicht,
und das von der Flöte verstehst
du nicht.

T o d , wir kennen uns doch.
Alles, was wir beginnen, hat irgendwo
ein Loch.
Da steckst du deinen kahlen Kopf
herein.
Trotzdem: manchmal schnacken wir.
Ich war immer schon Dein.]

Hermann Claudius
Mspt S.17






H e r r g o t t , sei mir nicht
weit:
nimm mir in weißen Haaren
die Alters-Eitelkeit!

Habe Geduld!
Ist nicht der Spiegel daran
schuld
und der glatte Kamm
und Schlips und Kragen?

Den andern Alten geht es ebenso -
laß mich es sagen.

Oh!
Kam ich doch zu  D I R
Gedicht bei Gedicht
splitternackt ohne Scham?
- - - - - - -
Sei mir nicht weit:
nimm mir die letzte
Alters-Eitelkeit!

Hermann Claudius - Mspt






Bin ich für mich,
tritt mir etwas
in die Seele - - -
und entflieht.

Es ist ein leises Tasten über Stirn
und Hand und Haut,
heimlich,
keinem Wortbild vertraut.

Es bleibt für sich und
unergründet,
unerkannt . . .
Ich
lege Hand auf Hand,
Unwandelbarem
verbündet.

Hermann Claudius - Mspt






Auf der Wartburg war es  1941.
Münchhausen war dabei und Hans Franck
und ich und Andere.
Mit Luthers Bibel war man unzufrieden.
Wir sollten es erneuern dichterisch.
Es waren Griechen, auch Lateiner da.
Man sprach viel hin und her.
Hans  F r a n c k  erhob sich:
"Es sei wohl not, allein
 es sei ein Werk, sich selbst daran zu
 wagen."
Er überfloß von lauter Schwierigkeiten.

Da sprang ich auf. Der Psalm 23
floß mir vom Mund, wie Luther ihn geformt:
  Der Herr ist mein Hirte.
  Mir wird nichts mangeln.
  Er weidet mich auf einer grünen Aue
  und führet mich zum frischen Wasser.
  Er erquicket meine Seele,
  er führet mich auf rechter Straße
  um Seines Namens willen.
  Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
  fürchte ich kein Unglück.
  Denn Du bist bei mir. Dein Stecken
  und Stab trösten mich.
 
Ich: "Bleibt davon. Das ist Gedicht!"
Man schwieg und ging.
Und eine Dichterin war dabei.
Ich meide ihren Namen. Die drängte sich
an mich: "Ich muß es Ihnen sagen.
Als Sie so sprachen, war um Sie ein Helles
so wie die  M a n d o r l a  der alten
Meister."
Ich sah sie an: "Es wird Ihre Erregung gewesen
sein - - "
Sie sah mich an und sagte:  "E s  w a r ! "
Und ging,
Wir sahen uns nicht wieder.

Hermann Claudius
Mspt S.27





Eine kupferrote Wachskerze
bekam ich,
zehn Zentimeter hoch,
fünf in der Breite.
Stell sie auf unsern runden
Tisch,
es dunkelt schon.
Und steck ihn an,
den Docht inmitten.
Nun wird es feierlich.
Die kupferrote Wachswand
leuchtet
mit leisem Beben,
je dunkeler die Stube,
desto mehr.
Wir sitzen schweigsam,
heben unser Glas mit
rotem Wein
am Stiel, auf daß es
klinge
und stoßen an
auf Kilian,
der diese Kerze schuf.

Hermann Claudius
Mspt  S.44









Ich muß mich mühn, daß ich
ins Tiefe schächte.
Es ist, als ob die Schöpfung
sich an sich räche:
die Menschheit ward zur öden
Oberfläche.

Hand, Auge, Ohr - die Technik
löst es ab
von der Geburt, durchs Dasein
bis ins Grab.
Wir haben's asphaltstraßen-eilig.
Dem Kleinkind schon
ist nicht sein Spielzeug heilig.
Touristik: zum Meerstrand in
Scharen geflogen, gefahren -
Man schwatzt, macht Witze.
Das Meer wird Pfütze,
der Sand Benzin.
Alles ist hin.
Leere
Oberfläche.
Es ist, als ob die Schöpfung sich
an sich selber räche.

Hermann Claudius
Mspt S.52  vgl. andere Fassung S.57





Paula Becker-Modersohn

Se weer en Minsch
mit apen Seel,
trock allens in sik,
böör dat wedder rut.
Se weer as Wief ewig
de Bruut,
harr allens leef
un geev un geev
em dat Gesich'
- - -
un anners nich.

Hermann Claudius - Mspt









Un slött  H e  mi min Ogen,
H E ,
denn ligg ick still to
Lütjensee
un achter Kark un Knick.
Un wedder  E e r  warr ick.
Min  S e e l  hett dat dar nich
so geern,
denn geit se sachen mal
spazeern.

Min Gewelstuw de lücht so
geel.
Dor harr se doch soveel ehr
Speel.
Min Seel de dreih sick hen
un her,
wat antofang'n, dat ward
ehr swöör.
So makt min Seel en lütten
Schuw
un rünner in uns rode
Stuw.
Un  G i s e l a , de steit dor,
steit
un markt nich de
Gelegenheit.
Ick tipp ehr op ehr
witte Hut,
alleen, dat speelt sick
nich mehr ut.
H e  seggt to mi:  H E , gah
man trüch
un hett rein fründlich sin
Gesich'.
To Lütjensee dor achtern
Knick
dor ligg ick sachen wedder - ick.

Un Gisela geit dar wull mal lank
un sett sick to mi op de Bank.

Hermann Claudius - Mspt






Die Eisblumen an meinem Fenster
sperrn mir den Blick. Was will er denn
schweifen auch. Symbol ist alles.

Bist du es selber dir nicht? Blick in den Spiegel!
Links und rechts sind vertauscht zwar.
Doch du täuschest dich gern.

Wenn sich die Schale nur schließt.
Der Kern darinnen hat Ruhe.
Wieviel 1000 Jahr braucht er, ehe er keimt?

Und war ich nicht daran,
immer die Schalen zu öffnen?
Und vermochte ich's je?
Ist noch heilig das Wort?

Mag der Dichter verzagen wohl.
Doch der Geist ist ewig.
Und es kehren, was geschaffen ist,
in den Geist nicht zurück.

Draußen der Baum ist kahl
und fast in den Himmel
- du weißt es -
hebt dich sein Dach.

Baum ist Geburt der Erde
auf in den Himmel.
Die Dächer
Zeugen menschlicher Notdurft.

Hermann Claudius
(Mspt zu "Eisblumen am Fenster"  Z 29)






                          Beid'
             
              Gott - de lewe Gott -
              sitt He in de Kark -
              sitt He in' Karkentoorn -
              sitt He annerwo bi Sick
              verloor'n?
             
              So is nu dat.
              De Ool-Buer weet nich
              wat.
              He swiggt.
              Dar kiekt em Gott,
              de lewe Gott,
              in't Gesicht
              mehr nich,
              un swiggt.
              Un dar is Alln's mit
              daan.
                    - -
              Ehr hoge Freid:
              Beid swiggt se -
              Beid'.
             
             
              Hermann Claudius (Mspt)
             
              [Vorletztes Gedicht für
              "Wull wannelt sik de Rik"]






Die Blätter fallen müde aus den
Bäumen.
Sie lachen gelb aus unseres Hauses
Grün.
Des Himmels Wolken sind schon
regenträchtig.
Ich lehne mich im Sessel still
zurück.
Was in mir denkt, ist ähnlich
wolkenschwer.
Es sinkt bis auf mein Herz, es
hämmert leiser.
Die Finger tippen zwar noch
griffgewöhnt.
Es lohnt sich kaum, die Buchstaben
zu lesen,
als hätte jeder seinen eignen
Sinn.
Als wälze sich der Schlummer aus
dem All
und habe nicht mehr Mut und Lust
zum Heute.
Ich lehne tiefer mich im Stuhl
zurück
und fühle meine Wimpern sacht sich
schließen.
- - - - -
Die Blätter fallen müde aus den
Bäumen
und lachen gelb aus unseres
Rasens Grün.

Armantje







Klöhnsnack am Hermann-Claudius-Weg


Moigen, Mudder Snarr!
     Moigen!
Se haut wull Lüttholt?
     Jo, dat is jo kolt in de Stuw.
Ick glöw, dat ward Iestiet.
     Wat is dat?
Denn sneet dat ewig.
     Ewig lewt wi jo nich - Gott si Dank.
     Min Mann is nu ok al lang dod.
Wo lang al - - ik weet nich.
     Ik ok nich. Dor harr unse Weg noch
     keenen Namen. Nu heet he na Se.
Deit he.
     Is dat nich wat komisch,
     op sinen eegen Weg to lopen?
Is dat wull. Ick pett jümmer wat sachen to.
     Jo - jo, ick meen blots, wenn Se nu dod sünd?
Fru Snarr, dennso lop ick dor ok noch.
     Swigen Se still. Ick krieg dat Grusen -

              Hermann Claudius
              Grönwohld





As de Schinken in' Rok,
so is't mit dütt Bok.

Waard't warm in din Hand,
dann kriegt't eerst Verstand.

---

Lat eerst bi di warm warrn -

Mutt eerst bi di warm warrn -

----

As in de Rökerkat de Rok,
so is't mit dütt Gedicht ok -

- - -

So as de Schinken in den Rok
eerst sinen Schick kriegt, is't hier ok

De Wöör, de veel Larm harrn,
möt eerst bi di warm warrn.






A r t h u r   I l l i e s

Der große Maler sieht, was keiner sah
und greift es an. Es muss ihm stillehalten.
Und seien es dämonische Gewalten –
er setzt den Pinsel an. Und es geschah:

In Farben und in Formen jäh gebannt,
so steht es da und muss ihm Antwort geben.
Er hat sie eingefügt dem eignen Leben
im Traumes-Wunderwerken seiner Hand.

Und dieses ist, um das der Meister weiß.
Und dieses Eine gibt ihm seine Stärke
und führt ihn wundersam von Werk zu Werke
und fährt ihm durch sein Herz hin hart und heiß:

Dass nichts ihm nützen Kunst allein und Mühn,
soviel er auch die Hände eifernd rege,
Gedanken in sich auf und ab bewege,
davon noch nimmer Meisterwerk gediehn.

Das ist die  D e m u t , die um Gnade weiß,
um jene Gabe, die ein Gott ihm schenkte
und ihn mit weiser Hand zum Ziele lenkte
der Knospe gleich an einem Birkenreis.

So fern dem Wort und ferner dem Verstande
bewegt das Werk des Meisters uns und stumm,
so kehrt es uns das Wort im Munde um
und sucht das Herz tief unter dem Gewande.

Hermann Claudius
Mspt



An Otto Flath

Du gabst dem Baum die Seele wieder,
die er in seinem Fall verlor.
Dein Werk sind ungesung'ne Lieder
zu Gott empor -.
Es ist nicht Wollen, es ist nicht Denken,
der Hände stammelndes Gebet,
ein Seel-in-Seele-sich-Versenken,
ob es im Werke aufersteht.
So gabst Du ihm die Seele wieder,
dem Baum, die er im Fall verlor.
Dein Werk sind um Dich lauter Lieder
zu Gott empor.

Hermann Claudius  (1878-1980)
In:  Orthmann, Gerda. Otto Flath - Leben und Werk. 1988






Blutroter Abendsonnenschein.
Die Alster trinkt ihn durstig ein.
Ein Segel, das sich sonnte,
treibt langsam übers Wasser her.
Der Große Michel hebt sich schwer
am fernen Horizonte.
Bald senkt aus grauer Wolkenwand
die Sommernacht die dunkle Hand.

(Zu einem Farbfoto von Rolf Bublitz auf der Rückseite einer Zeitschrift aus den 50er Jahren)