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Gedichte    logo groß

  • aus Zeitungen und Zeitschriften, die nicht in den Werken erschienen sind,
  • aus Manuskripten, bisher unveröffentlicht,
  • chronologisch sortiert

1894-1915    tintenfeder


                        In des Westens mildem Wehen
                        hab den Frühling ich gesehen.
                        Und es trug der holde Knabe
                        in den ausgebrei'ten Armen
                        seine erste Lenzesgabe,
                        für die Reichen, für die Armen ...
                                              
                        Hermann Claudius (ca 1894)
                                  
                                               zitiert bei Bernd Borg
                        in "Die deutsche Nordmark"
                        Schleswig vom 19.10.1929;
                       
                        danach sollen es die ersten Verse
                        des sechzehnjährigen Selektaners
                        Hermann Claudius gewesen sein.
                       





Dem Waldesrauschen hab ich gelauscht,
                        wenn der Sturm in seinen Wipfeln rauscht
                        mit allgewaltigen Schwingen.
                        Ich stand im Walde, als alles schwieg,
                        eh noch die Sonne am Himmel stieg,
                        die Vögel noch mochten singen.

                        Wald, sing mir noch einmal dein Wiegenlied,
                        dass Ruh in meinen Busen zieht,
                        der nimmer ruht und rastet!
                        Umfang noch einmal mit deiner Ruh
                        den raschen Geist, der immerzu
                        nach ihrem Bild nur hastet.

                                   Hermann Claudius  1900
                                   in Mspt: Dasein im Gedicht




Es küsset sich dein roter Mund
gar so wunderbar.
Es fühlet sich so lockend weich
dein rabenschwarzes Haar.
Dein dunkles Auge stets aufs Neu
erschrickt das Herze mein.
Doch weh des immer bitteren Hohns:
Tor, sie wird nimmer dein!

Hermann Claudius (um 1900)








Seiner Ziska am 29. Jänner 1908
                                   mittags um Eins.

Da – wie ich eben Dich so sah –
dacht ich an unsrer Liebe Glück . . .
Es flog ein heller Schein zurück
davon, wie mir zuerst geschah
als ich Dich sah.

Die kleine Stadt lag mittagstill.
Da kamst Du um die Ecke her.
Das Jäckchen braun. Die Spitzen weiß . . .
Es stieg mir in die Augen heiß.
Mir ward ums Herz so leicht, so schwer - - -
Weiß Gott! Ich wußt es selbst nicht mehr.
Wir grüßten uns und sprachen leis
und reichten uns die Hand und dann . . .
sahst Du mich eigen an

(Rest in Steno geschrieben, übernommen von einem anderen Textblatt:)
Da wußt ich´s gleich und wußt´ es nicht.
Doch ward ich laut und frei und froh
und sang im Wald mein Holdrio
- - - -
Und heute sah ich Dein Gesicht
g´rad wieder so.








Min Paddelleed

Min Paddelboot, min Paddelboot,
ick bün di heel vun Hatten goot,
as weerst du gor min Brut.
Wo büst du rank, wo büst du slank,
wo stur un seker is din Gank,
wo lustig kickst du ut!

Min Paddelboot, min Paddelboot,
ick bün di heel vun Hatten goot
as minen besten Frünn.
Wo week umfött mi deepe Roh,
bald ick mit di verswewen doh
in rode Awendsünn.

Min Paddelboot, min Paddelboot,
wi sünd uns heel vun Hatten goot
un wüllt dat bliwen sacht,
wüllt heemlich uns vertellen wat,
wenn üm uns rüm so grot un swatt
den Mantel hangt de Nacht.

in: NHZ 17.07.1911







Sieg!

Von Hermann Claudius

Beim allerersten Tagesschein

- S e i n e  soll die erste sein! -
Faßt er die Fahne mit zitternder Hand.
Sie warfen die Feinde aus dem Land.
Sein Sohn, sein Sohn, war auch dabei!
Hinaus nun, Fahne, schreie, schrei':
"Sieg! Sieg!"  
               Ob er noch lebt?
Einerlei, die Fahne schwebt!
Einerlei, das Land ist frei!
Flattre, Fahne, schreie, schrei':
"Sieg!"


            In:  Daheim, Berlin
       51.J  Nr. 23  S. 25  vom 6.3.1915

1919         tintenfeder


                            Maifeier!
           
           
            Maifeier! Das Wort kommt trotzig schwer
            aus Enge und Dunkel und Drangsal her.
            Es stöhnte auf hinter Amboß und Rad
            und trieb den Mann aus der Werkelstatt,
            aus dem grauen, grinsenden Einerlei
            hinaus in das Leben, den Lenz, den Mai.
            Kein Sonntag, kein Festtag nur - nein: mehr!
            Ein hohes Symbol dem werkelnden Heer.
            Heraus aus Fabriken, Zechen und Gruben!
            Weib, Kinder, heraus aus den Hinterstuben
            in den schwellenden, sonnenseligen Mai,
            aus eigenem Willen von Pflichten frei.
            Aber Amboß und Hobelbank,
            an denen am Morgen kein Klappern klang,
            zogen Fratzen voll Galle und Wut
            und schrieen nach Arbeitsschweiß und -blut,
            schrieen .... Aber es blieb dabei:
            Wir feierten unsern e r s t e n  Mai.
            Wir feierten ihn und hofften im stillen,
            es mög sich der heiße Wunsch erfüllen,
            daß einst am ersten Maientage
            der Ring sich um die Erde schlage
            von Mensch zu Mensch in Arbeit frei.
            Da sprang die Menschenschlächterei,
            der Krieg mit Hohn und Haß und Bann,
            mit List und Lug und Trug ihn an,
            Hunger und Not und Tod packten zu,
            bis der Ring zerriß.
                                   Ich und du
            fühlten wie einst in Kindertagen
            unsern jungen Glauben zerschlagen.
            Wollten "Brüder!" rufen - und griffen ins Leere.
            Im Bruderblute stampften die Heere
            vier Jahre lang.
                                   Schmach und Schande
            wälzten sich über Menschenlande.
            Das Kapitalismusungetier
            schlang sich satt in blinder Gier.
            Und der stumpfe Soldatendrill
            hielt ihm die zuckenden Opfer still.
            Auf einmal - wer rief es zuerst - das Nein!
            Wir wollten nicht länger Schergen sein,
            dem nimmersatten Untier zur Fron.
            Auf sprang die Novemberrevolution,
            fuhr wie Sturmwind über das Land,
            wie eine packende Riesenhand.
            Finger griffen nach Fürstenkronen,
            schleppend schlichen von ihren Thronen
            Könige. Die Kulissenwand
            fiel, was jahrhundert gegründet stand.
            Verbrieftes Unrecht zerstob in Wind.

            Auf stand das Volk, das große Kind,
            und teilte über Schule und Graus
            mißachtete Rechte fröhlich aus.
            Und konnt doch nicht wehren, daß grimme Not
            sein heiliges Antlitz flackernd umloht.
            Und konnt doch nicht ändern, daß Unverstand
            mit Fäusten schlug nach der spendenden Hand.
            Heut aber leuchtet des Volkes Blick:
            Maifeier - wir schaun nicht zurück.
            Maifeier - wir äugen voraus.
            Wir sehen die Welt ein weites Haus
            von Brüdern und Schwestern Hand in Hand,
            All-Erde ein einiges Menschenland.
            Maifeier - der Brudertag der Welt,
            der alle Menschheit umschlungen hält.
            Maifeier....
                                   Heute  n o c h  Traumgesicht.
            Aber es bleibt bei dem Träumen nicht.
            Es geht um die Erde ein großes Geschehn.
            Alle Völker werden es sehn.
            Menschen der Arbeit nach Freiheit fassen,
            wir aber wollen von dir nicht lassen.
            Maifeier, du Bruderkranz,
            schließe dich um die Erde ganz.
           
                                   H.Claudius
            In:       Hamburger Echo  33.J
                        Beilage zu Nr. 198
                        vom 30.4.1919/A
           





Göd Michel
En Drinkleed!

All duster Nacht. Dor knarrt wat her.
Dree Wagen lang. Dree Wagen swör.
Hüho! Wat treckt de Peer!

Dree Lüchten lücht bargop, bargopp.
En swadden Rider ritt vörop,
voröwerbögt den Kopp.

Dree Släg he sleit an't eken Dor.
Sin Stimm is hell, sin Stimm is klor:
Göd Michel, de is dor!

Dree Koggen föhrn bi Helgoland.
Ei wull, wat weern wi gau tor Hand:
Nu sitt se up den Sand!

En Arbeit weer't, nu sünd wi mör.
Ei wull, en Krog Einbeker Beer,
den lang mi foorts mal her!

Heiho, dor blast se Fackeln an!
Heiho, dor sät se Mann bi Mann.
Dor gung een Supen an!

Göd Michel, as he nicks mehr funn -
he was de letzte, de noch kunn -
keek rümmer in de Runn.

Dunn sleek de Düwel in de Dör:
Göd, wullt du Supen. Ick bring mehr!
- Manto, man jümmer her!

- - - - - - - - - - - -

Nu hett sin Seel in't Graff keen Roh.
Nu mutt se supen jümmerto,
mutt supen jümmerto!

Un wo Johanni in de Nacht
twolf Drinker drinkt, dor kummt he sacht
un suppt mit ole Macht!

H.Cl. (Hermann Claudius)

In:  S. 14-15, Faksimile in einem 16 seitigen Heft mit Zeichnungen.
Vermerk auf S.16: Druck von Gebr.Sülter. Hamburg,
evtl. aus 20er Jahren, keine weitere Identifizierung möglich.
Da auch die vorige Seite 13 von Claudius geschrieben wurde,
ist anzunehmen, dass das ganze Heft ähnliche Balladen
von Claudius enthielt. Auch die Randzeichnungen scheinen
von ihm gefertigt worden zu sein.


1920-1922        tintenfeder



Hadere nicht, ward dir ein Wunsch
nicht erfüllt.
Immer bleiben die Götter dir heim-
lich gewillt.
Immer wissen die Ewigen besser
als du,
Was dir zu deiner Reise dient, deiner
Ruh.
Immer über den Hügel
dir voraus
Wissen die Götter den heimlichen
Weg nach Haus.

Hermann Claudius   1920



Kik op din Klock, min gode Mann:
Wenn jedes Rad wat anners wull,
wo wies se dann de Tid wull an?

Herm.Claudius

In:  Hamburger Echo   34.J
     Die arbeitende Jugend
     Juli 1920





                 An Heinrich Wolgasts Bahre.
           
            Und unterm Dämmerschein verhangnen Lichts
            sah ich in Deine todesstarren Züge.
            Da stand es ohne worteschöne Lüge,
            das furchtbare Hinunter in das Nichts.
           
            Ich ging davon. Und enger noch um mich
            als wie von Deiner Bahre losgerissen
            schlug sich wie kaltes Totentuch das Wissen
            der grenzenlosen Einsamkeit des Ich.
           
            Herm.Claudius

2. u. 3.letzte Zeile vom Dichter wie folgt handschriftlich geändert:

            und wie von Deiner Bahre losgerissen
            wie kaltes Totentuch schlug sich das Wissen

            (Heinrich Wolgast, der Hamburger Schulreformer,
            * 26.10.1860 in Jersbeck
            + 29.08.1920 in Hamburg)

            In: Pädagogische Reform. Zeitschrift der Hamburger
                Lehrmittel-Ausstellung. Hamburg
                44.J  Nr.36  vom 8.9.1920  S.1










Dat Wunner

Wenn sunn lütt Kind sick högen deit,
so recht ut hoge helle Freid
- sin Ogen lücht, sin Haar, dat weiht! -
denn is't, as wenn sin Aten geit,
as wenn sin frame Hand di eit,
de achter Dod un Lewen steit
un kickt di an.

Ne'm blewen Not
un Sorg un Sük un Angst un Dod?
Dat düp hendal in deepen Sod.
Di is so wunnersam to Mot.
Un't is en lachen Kind man blot
un kickt di an . . . . . .


Herm.Claudius

In: Frauen-Beilage
    des Hamburger Echo
    3.J  Nr.12  vom 25.12.1921







Mag meine Augen decken
mit meiner schweren Hand:
und seh dich desto heller
an der dunklen Wand.

Mag meine Ohren tauben,
als wären sie beide tot:
Und höre desto lauter
unserer Liebe Not.

Wär ich doch die Geige
hart an deiner Brust,
zitternd mitzuklingen
all dein Leid und Lust!


Hermann Claudius 1922
vgl BL 29





Gr - -

Ich sehe dich durch alle Wände.
Ich fühle dich durch alle Luft.
Ich fasse immer deine Hände
und atme deines Leibes Duft.

Ich habe dich aus mir geboren.
Vielleicht bist du es selber nicht,
die irgendwo im Raum verloren
mit einem andern geht und spricht.

Hermann Claudius  1922
(BL 45)





Int Boot

Oewer't Boot sin smalle Kant
in dat Water langt min Hand.

In den Heben drömt min Og.
Wulken, Water - dat's genog.

Un min Seel flüggt op un aff:
Hewen, Lewen - Dod un Graff.

Herm.Claudius
In:  Hamburger Echo - Die Neue Welt
     Nr.9   Mai 1922  S.34





Fuhlsbüttel, ant Alsterknee

Den Weg hendal na't Water,
dar stat so hoge Böm.
Den Weg hendal nat Water,
dar gah ick geern un dröm.

De Minschen lopt so hasti,
as harrn se all keen Tid.
De Minschen lopt so hasti,
as mussen's all noch wid.

De Böm, de stat dar jümmer
un jümmer still un grot.
De Böm, de stat dar jümmer.
Wat ielt de Minschen blot?


Herm.Claudius

  In:  Hamburger Echo - die Neue Welt
                Nr.9   Mai 1922


1923-1926           tintenfeder



As de Nachdigall slög . . .

Op Dütschland liggt dat Schicksal swör.

Ick wöhl int Bett mi hen un her,
Halw wak un half noch Dromgesicht.
Is dat en Kind nich, dat dor schriggt,
Dor buten wid? As harr't den Weg
Verlar'n un fünn sick nich mehr trecht
Un stünn un keek den dustern Gank
Mit Ogen grot un angstli lank
Un reep un keek un kunn ni mehr ...

Op Dütschland liggt dat Schicksal swör.

In:  Hamburger Echo
     Beilage Die Neue Welt Nr. 10/1923
     zu Nr. 137  vom 20.5.1923







            Durch unsre Kammer geht ein Laut,
            nur dir vertraut, nur mir vertraut.
            Wie einer Eule Flügelschlag.
            Es hört ihn niemand übertag.
            Die Mitternacht erst macht ihm Mut.
            Dann steht er auf in unserm Blut.
            In meinem Blut und heischt nach dir.
            In deinem Blut und heischt nach mir.
            Und gibt nicht eher Rast und Ruh,
            bis daß wir Eines: ich und Du.
            Und diese summt, nur uns vertraut,
            durch unsere Kammer hin der Laut.

            16.VII.24                   HermClaudius

              (angefügt:)
            Urton, der in der Schöpfung schlief.
            Urruf, der alles Leben rief.







           
            Durch unsre Kammer geht ein Laut,
            nur mir vertraut, nur dir vertraut.
            Wie einer Eule Flügelschlag.
            Es hört ihn niemand übertag.
            Die Mitternacht erst macht ihm Mut.
            Dann steht er auf in unserm Blut.
            In meinem Blut und heischt nach dir.
            In deinem Blut und heischt nach mir.
            Urton, der in der Schöpfung schlief.
            Urruf, der alles Leben rief.
            Durch unsre Kammer geht ein Laut,
            nur dir vertraut, nur mir vertraut.
           
            Hermann Claudius
            (Mspt 16.7.1924)
            In:  Der Wagen, Lübeck  1939
                 S.157





                             VII.
            Wir wollen gleichwie edler Wein
            die Glut tief in uns sammeln
            und wollen klar und gut und rein,
            abhold dem Wortestammeln,
            einander ansehn Hand in Hand
            und also stummberedt das Land,
            das breite Stromland unserer Ruh,
            getrost durchschreiten: ich und du
           
            Hermann Claudius
                       
            (Aus dem Zyklus: Heilige Ehe -
            übernommen in H 78-84;
            hier die Strophe VII ausgetauscht)
            In: Kunstwart und Kulturwart. München
                38.J  H.1  Okt. 1924  S.25-27
           









               Silbermuschel - (für Hanna Möller)
                      Von Herm. Claudius
           
            Wie eine Muschel, die ich aus dem Sande
            ans Ohr mir halte, immer raunt vom Meer,
            so singt, o Mädchen, wenn ich dein gedenke,
            das Lied von unserm Lieben um mich her.
           
            Das rinnt und raunt von heller Wellenweite,
            die leuchtend, lockend uns zu Füßen lag.
            Das raunt und rinnt von wolkenschwerem Traume,
            der uns umnachtete am hellen Tag.
           
            So gleichst du, Mädchen, jener Silbermuschel,
            die ich ans Ohr mit stiller Andacht heb,
            daß hin durch ihr erstorbenes Gehäuse
            noch einmal hell die Meereswelle beb.
                       
            In:  Zeitung für Li....
                 Hamburgischer Correspondent
                 Nr.256  vom  2.11.1925









                        An ein junges Mädchen
           
            Sie klingen nicht umsonst so gleich,
            Liebe, Leid, Lied.
            Sie sind so Hölle als Himmelreich,
            Liebe, Leid, Lied.
           
            Sie kommen, wie die Winde gehn,
            Liebe, Leid, Lied.
            Du mußt es lassen still geschehn.
            Liebe, Leid, Lied.
           
            Halt nur dein Herze immer hin -
            Liebe, Leid, Lied.
            Das ist des Lebens weher Sinn.
            Liebe, Leid, Lied.
           
            Denn wen sie ließen bar und frei,
            Liebe, Leid, Lied,
            der lief am Leben doch vorbei.
            Liebe, Leid, Lied.
           

             1926


1928-1931           tintenfeder



                        Deutsche Hymne


Land der ewigen Gedanken,
Deutschland, Deutschland, Jugendland!
Stehe fest und sonder Wanken,
Land der ewigen Gedanken,
in der Zeiten Wirbelbrand!

Land der unbesiegten Liebe,
Deutschland, Deutschland, Herzensland!
Mitten in dem Machtgetriebe,
Land der unbesiegten Liebe,
halte du in Treuen stand!

Land der schwielenharten Hände,
Deutschland, Deutschland, Arbeitsland!
Fühle deine Zeitenwende,
Land der schwielenharten Hände,
halt den Knechtegeist gebannt!

Land, vom großen Bruderglauben
an die Menschheit noch erfüllt:
Deutschland, laß ihn dir nicht rauben!
Wahre deinen Menschheitsglauben
klar und fest in deinem Schild!

Deutschland, Deutschland, Volksliedklingen
in der Völkerweltmusik:
[1928: in dem Völkerweltenchor]
Volk, mein Volk, o mög dein Ringen
um dich selber dir gelingen!
Vaterland, empor! empor!


Hermann Claudius


In den zwanziger Jahren lautete der offizielle Hymnenschluss,
(auch in der graphischen Gestaltung durch Karberg):

Deutschland, Deutschland, Volksliedklingen
in der Völkerweltmusik:
Volk, mein Volk, o mög dein Ringen
um dich selber dir gelingen!
Heil der Deutschen Republik!

"Der ewige Tor" übernahm 1928 die ursprüngliche Fassung - T 93.
In Liederbüchern nach 1933 wurden die beiden
letzten Strophen weggelassen.







                        Hymne auf Rio

Rio de Janeiro, du heiterste aller Hetären der Erde!
Süß ist dein Hauch wie der Duft des Mangobaumes zur Nacht.
Lässig trägst du dein Haupt wie die Königspalmen
entlang dem Canal do Mangue, der müde sie spiegelt.
Jäh ist dein Wuchs wie der Pao do Assucar,
wie der Scheitel des Corcovado, den trunken
Schmetterlinge umgaukeln, die samtenen-blauen.
Die Lust deiner Lenden leuchtet von der Praia Flamengo,
der Praia Ipahoma und wahrlich der Copocabana.
Europäisch prangst du mit deiner Avenida Rio Branco,
doch in der Rua do Ouvidor zittert dein Herz!
Menschen nur faßt ihre Enge, nicht Räderknarren noch Hufschlag
noch das gelle Hupen der Autos stört, Paradiesisch
mischt sich alles und lacht, leuchtet wie Kolibris, einer
hat am andern Lust! O du baccantischer Tanz!
Schwarze, Gelbe und Braune mehr als Weiße. Verbrüdert
schwingt der Reigen sich hin, wo der Ozean lockt.
Portugiesisch schlägt hier seine zierlichsten Wellen.
Rio, sonnenbrünstige Stadt! Schöne Hetäre, leb wohl!

Hermann Claudius - 1930
für eine Reisestudie










W I R

Wir sind die große Wende,
die durch die Zeiten bricht.
Unsere harten Werkhände
wandeln der Erde Gesicht.

Wir sind das große Wollen,
langsam, Schritt um Schritt.
Unsere Frauen und Kinder
schreiten gläubig mit.

Wir sind die große Welle,
Sintflut unserer Zeit.
Tauch unter, alte Erde!
Neue, wir sind bereit!

Neue Erde, werde
unter unserer Hand!
Steig herauf, du freies
Menschenbruderland!

    Vertont von Walter Rein 1931;
    Deutscher Arbeiter-Sängerbund Berlin;
    DAS Nr. 1443



1932-1934          tintenfeder


Herbstlicher Abendgang

Die Erde dämmert unter meinen Füßen.
Vom Himmel sinkt das letzte rote Licht.
Mir hinterm Rücken droht das Mondgesicht.
Ein erstes Sternlein will mich freundlich grüßen.

Aus dunkeln Bäumen äugt auf mich die Stille
Und wartet auf die Mutter, auf die Nacht.
Sie kommt und öffnet ihres Mantels Pracht.
Und alles überschattet nun ihr Wille.

Und seltsam mischen Nähe sich und Ferne.
Und eines hebt sich aus des andern Schoß.
Ich rag' ins Dunkel wie ein Riese groß.
Und meine Schritte taumeln in die Sterne...

In:  Berliner Tageblatt
61.J  Nr. 152  vom 31.3.1932




                        Der Wanderer
                        Von Herm. Claudius
           
            Ich lieg' am See und atme mit den Wellen,
            lieg' unterm Baum und atme mit dem Blatt.
            Mein Auge wandert hin und sieht sich satt
            an grünen Fernen, die im Licht verquellen.
           
            Die Blätter singen und die Wasser sagen
            das süße Lied seliger Gegenwart.
            Ich hab's in meinem Herzen mir bewahrt
            und trag' es fort zu fernen, fernen Tagen ...
           
            In:   Hamburger Fremdenblatt
                  104.J  Nr.185/A  vom 5.7.1932  S.1
            verändert und erweitert übernommen in D 108







            Ursula

Freu Dich des Spiels am klingenden
Flügel, Tochter! Herrlicher ist’s
einzutauchen tief in den Geist
                        der vergangen,
und der dennoch lebendig ist,
kaum lebendiger ist!

Genien flattern umher, sieh auf, sieh:
spürst du sie? - schweben
leuchtendes Gewandes und lächelnd
bald in Dein Spiel, bald ferne
sind sie gewichen, dem Geiste nach
der gezeugt, den sie zeugten,
wer weiß es?
Freu Dich des klingenden Spiels

                        23.6.33
                        HClaudius





            Dichtergrüße zum 60jährigen Bestehen des "Reichsboten",
            der Zeitung des Evangelischen Bundes:

            Der Reichsbote mit frommem Stab
            er ging die Lande auf und ab,
            er ging die Lande her und hin
            und weckte guten deutschen Sinn.
            Sein Blick war hell, sein Wort war klar.
            So hielt er es durch sechzig Jahr.
            Es war ihm keine Tür zu klein,
            er bückte sich und trat hinein,
            gleich unserm Herren Jesus Christ,
            der auch zu den Geringen gegangen ist.
            Es war wohl manchmal harte Zeit
            und alle deutsche Hoffnung weit.
            Jedoch des Boten Wort blieb stät
            und war ihm heiliges Gerät.
            Nun da das Reich neu aufgericht',
            ist heiliger noch des "Boten" Pflicht,
            setzt er noch fester seinen Stab
            die deutschen Lande auf und ab,
            geruhig, fest und treu und wahr.
            Gott segne ihn noch manches Jahr!
           
            HermClaudius
            In:       Der Reichsbote. Berlin
                        1. Beilage  zu Nr.165  vom 23.7.1933
           








            Der Berg - De Barg

Wir sind der Berg von Schwergewicht,
der Berg mit Ewigkeitsgesicht,
der Berg, den nichts verschleppen kann
und zögen tausend, tausend Rosse an.
Wir sind der Berg von Schwergewicht:
Volk! Volk! Volk! Volk!

In diesem Berg, von Erd bedeckt,
liegt eine Höhle tief versteckt,
ist eine Türe, ist ein Raum,
träumt eine Seele wachen, wachen Traum.
Träumt eine Seele wachen Traum:
Volk! Volk! Volk! Volk!

Klirrt schon das Schloß? Sprang schon das Tor?
Klang schon das Hohelied hervor?
Sang schon die helle Melodei:
Steh auf! Steh auf! Steh auf! Du wurdest frei.
Klirrt schon das Schloß? Sprang schon das Tor:
Volk! Volk! Volk! Volk!

Es klang doch so. O du, o du.
Du Tor der Freiheit schlag nicht zu!
Der Berg, der rollt! Der Berg, der bebt!
Gib Raum dem Leben, daß er lebt, daß er lebt:
Volk! Volk! Volk! Volk!

Hermann Claudius
Für die Vertonung durch John Julia Scheffler (1934)
vom Dichter ins Hochdeutsche übertragen
Verlag Ernst Eulenburg, Leipzig



1935-1936           tintenfeder


Schlehen

Bin heute bei den Schlehen vorbeigegangen.
Sie haben leise zu blühen angefangen.
Es war ein süßes Geheimnis um sie her.
Lass dich’s durchschauern, Seele – was willst du mehr?

Und bist du alt geworden, werd‘  wieder jung!
Lass dich durchrieseln süße Erinnerung.
Und musst du auch um deinen Frühling dich mühn:
siehe, die Dornen am Wege, die Dornen blühn!

Hermann Claudius
17.10.1935
Hummelsbüttel – Fuhlsbüttel





       Alter Baum.

Baum - deine grüne Krone
hebst du stumm in den Himmel.
Meine Worte - ach! -
fallen wie raschelnde Blätter um mich.

Was aber stumm in mir gewesen
seit je, reckt in den Raum
seine grüne Krone wie du.
Wohin denn will es?

Was fragt alle Klugheit?
Unsere Geburt deckt das Dunkel.
Und beim Sterben
hält ein anderer uns das Licht.

Lehr mich Ehrfurcht, Baum,
vor dem Unbegriffenen.
Laß mich stumm vor ihm sein
und ohne Rede - wie du.

          Hermann Claudius
            In:  Berliner Börsen-Zeitung Unterhaltungsbeilage
            Nr.144  vom 25.6.1935
            letzte Strophe geändert übernommen in U 52






            Wär' der Allmächtige nicht in uns allen tiefinnen,
            würden wir immer aufs Neue beginnen?
            Mich Gealterten mit dem Haupte im Schnee,
            o, wie rührt mich die grüne Jugend, wo ich immer sie seh!
           
            Hermann Claudius
           
            handschriftlich von HCl
            auf einem Zeitungsausschnitt  Nov. 1935
           





                                               Fuhlsb.d.9.12.35
           
                        Mein lieber Hans Leip,
            ich halte Dich wert,
            aber mitunter erscheinst Du mir wie ein Pferd,
            das heimlich ausschlägt und beißt ....
            d.h.
            ich bin ein fanatischer Pferdefreund -
            und also ist es nicht bös gemeint ...
            Du denkst im Stillen:
            der gutgesinnte Esel
            (das Gleichnis ist garnicht verloren,
            denn mir hängen die Ohren
            und sind lang,
            außerdem habe ich Ähnlichkeiten im Gang
            mit dem Esel -
            lese übrigens demnächst in Wesel)
            ... Hier reißt mir der Faden ab.
            Ich werde früher ins Grab
            steigen
            als Du ..
            Eigen,
            daß man das denken kann! -
            Wenn sie dann alle stehn werden
            und ernste Gesichter machen ..
            lieber Hans, fang mal laut an
            zu lachen!!
           
                        HermClaudius
                                  
            Mit vorzeitigem Familien-
            Weihnachtsgruß - an dem
            Abend konzipiert, an dem
            ich in Altona - Hauptmann-
            Kaiserhof  Dein edles Antlitz
            schwinden sahe -
                                   HCl.
                       
            Postkarte, abgestempelt: Hamburg 1 -  9.12.35
           
            An
            Herrn Hans Leip
            Blankenese
            Süllbergterrasse
           
            Von Hans Leip auf die
            Anschrift notiert:
           
            Lieber Hermann Claudius,
            Käs is Käs un Wuhs is Wuhs,
            aber dennoch einerlei,
            wenn es nur von Güte ist
            und somit dem, der es frißt,
            scheinbar lecker und bekömmlich sei.
                        Hans Leip  18.12.35
           
            Die Postkarte wurde mit 2 weiteren Briefen
            von Hermann Claudius an Hans Leip und Hans Much
            bei Dörling, Hamburg im Dez.1991 für 300 DM
            versteigert.








Morgen am Kieler Hafen

Kampf ist wohl des Lebens ewige Mitte.
Die Gelassenheit selbst dieser Zeilen,
quillt sie scheinbar aus der Wasserweite,
steigt sie doch aus meines Herzens Unruh.

Stieg sie doch aus meines Herzens Unruh,
wie die Sonne aufbrach dort im Osten,
während alle Sterne still verblaßten,
die der Nacht Geschmeide köstlich waren.

Kriegerische Schiffe seh ich liegen,
ungetüm die grauen Panzertürme.
Und die langen Rohre der Geschütze
sind ins Ungewisse ausgerichtet.

So wie alles ernste Menschensinnen - -
Nur die kleine Fähre, die dort schaukelt,
voll bis an den Rand vergnügter Leute,
weiß um ihren Weg und wo sie landet.

Wie das Wasser wogt in dumpfer Unruh,
so als suche es sich zu entrinnen!
Gott - wer sagt, daß Du ein Gott der Ruhe -
Gott der Unruh mir in meinem Blute?

Auf ihr grauen kriegerischen Riesen!
Fahrt hinaus und böllert in die Weite!
Alle Ruhe ist verkapptes Wesen.
Und der Kampf ist alles Lebens Mitte.

(Juni 1936 Zeitung nicht zu ermitteln)





               D e u t s c h l a n d !
                    (Ewiges Volk)

Gott hört die Völker. Doch Ihm ist die Zeit
Gleich einem Faltenwurf an seinem Kleide.
Jauchzen der Lust und Klageruf im Leide
Verdämmern Ihm im Klang der Ewigkeit.

Doch immer, wo ein Volk den  e i n e n  Ton
Des  E  w i g e n  fand in aller Flucht der Stunden,
Hat es dem Geiste  G o t t e s  sich verbunden
Und erntet in der Ewigkeit den Lohn.

Mein Deutschland du - hab ich dich recht erkannt?
Bist unter Gottes Völkern du das  e i n e ,
Das auf den heiligen  A n r u f  eine reine
Herzoffene und klare Antwort fand?

Hermann Claudius
Mspt - 7.3.1936

            Dieses Gedicht, in der Nationalzeitung veröffentlicht,
            ist einem Brief von Hermann Claudius an Hans Grimm
            vom 13.3.1936 beigelegt  [Möller 5, 76]







                 Dem Licht entgegen
           
            Zum Neuen Jahre gelte das:
            Wir gehen unsern Weg fürbaß
            Dem Lichte zu durch Nebelschwaden.
            Und Gott der Herr woll' uns genaden!
           
            HermClaudius
            (Führende Staatsmänner, Politiker und zahlreiche
             andere Persönlichkeiten schreiben an das 12-Uhr-Blatt
            zum Neuen Jahr). In: Neue Berliner Zeitung –
            12-Uhr-Blatt 18.J  Nr.309  vom 31.12.1936  S.4




   Der Mensch

Der du uns schufest am Anfang der Tage,
hör' vor den Tieren, Gott, meine Klage:
Herr, du breitest deine edle Anmut aus überall.
Mein Auge umgleitet mit Entzücken
jeden freigewachsenen Baum.
Das Reh, das durchs Dickicht lugt,
erschrickt mich mit scheuer Schöne.
Dein Frühlingszweig jauchzt,
und der herbstliche Wald harft dir Choräle.
Sag, warum mündet der Mensch nicht ein
in den göttlichen Strom?

Pflanze und Tier ruhn beschlossen in mir.
Euch aber stieß ich hinaus in die Weiten,
tausend Burgen der Lust zu erstreiten,
tausend Tore des Leids zu durchschreiten
und wissend den Weg zurück zu bereiten zu mir!


Hermann Claudius

vertont: Erwin Zillinger (1936)
In: Der Zoologische Garten.
Eine heiter-besinnliche Liederfolge.
Kistner & Siegel, Leipzig  29012



1937             tintenfeder


Dicht über unserer Laube
da singt der Vogel Glaube.

Weiß nur das Ein-und-Eine
Und ist zutiefst das Seine.

Du siehst die Sonne sinken,
ein letztes Wolkenblinken

Dann senkt die Nacht sich nieder
und dunkelt Licht und Lieder

Verborgen in der Laube
da sagst du still: Ich glaube!

            Hermann Claudius
            Mspt
(Handschriftlich auf dem Umschlag des Buches:
Steinbach, Walter. Saure Wochen, frohe Feste!
Berlin/Leipzig: Gustav Weise Verlag. 1937

                         




            Achtzig Jahre

Achtzig Jahre bist du alt,
Mutter! Doch dein Herz blieb jung.
Und der Baum Erinnerung
Hat noch Wurzel und Gestalt.

Manchen Sturm hat er erlebt,
Manchen Tag voll Sonnenschein.
Manchmal stand er ganz allein
Und bis tief ins Mark erbebt.

Aber keine Stund' vergaß
Er das liebe Himmelslicht,
Hob aus Tränen sein Gesicht
Wieder aufwärts und genas.

Drei Geschlechter sahest du
Rund um seinen Stamm erstehn.
Ewig ist die Erde schön.
Liebe Seele, gib nun Ruh.

Liebe Seele, gib nun Ruh.
Du bist doch mit dir allein.
Lächelnd tritt der Herrgott ein.
Und den Vorhang zieht er zu.

            Hermann Claudius
In:  Steinbach, Walter. Saure Wochen, frohe Feste!
            Berlin/Leipzig: Gustav Weise Verlag. 1937
            S.26/27

                         




Bei einer Taufe zu sprechen

Was dir geschieht,
Du selber weißt es nicht.
So grüßt die Knospe
Das Licht,
Und so die Blume erblüht.
Aber alles geschieht
In dem großen Geschehen,
Darinnen wir alle stehen
Und kommen und gehen,
Ein jeder zu seiner Frist.
Doch ewig bleibet,
Was Gottes ist.

            Hermann Claudius
In:  Steinbach, Walter. Saure Wochen, frohe Feste!
            Berlin/Leipzig: Gustav Weise Verlag. 1937
            S.17







Alles nordische Land - -

Alles nordische Land gehört dem Meer.
Immer steigen die Nebel vom Meere her.
Immer schmeicheln die Nebel mit weißer Hand
zärtlich wie eine Mutter über das Land.
Immer wieder und wieder in wilder Lust
drückt die Mutter ihr Kind an die wogende Brust.
Sieht nicht die Menschen mit immer neuem Mut
ihre Hände heben gegen die Flut,
harte Hände, vom Erden-Werken schwer.
Unerbittlich ist die Mutter, das Meer.

In: Volk und Kultur Nr.107, Unterhaltungs-Beilage der
Berliner Börsen-Zeitung Nr.215/M. S. 11 vom 11.5.1937,
hier andere Fassung gegenüber Juni 1937




Uem den Maiboom
   Von Hermann Claudius

Den Maiboom lat uns bören!
Wüllt danzen as de Gören!
Mai is't eenmal bloß int Jahr.
Dat hüt Maidag is, is wahr.
All Pütt de gaat to Schören.
Lat uns den Maiboom bören!

Nu steit de Maiboom, steit!
Sin bunten Bänners weiht.
Nu fat jo an ton groten Krink.
De Hög de is en runnes Ding.
En Ding is't dat sick dreiht,
wannehr de Maiboom steit.

Lat uns juchen, lat uns jachtern!
Sünd wi olt, denn staht wi achtern.
Junges Volk is jümmer vören.
Jed' een Putt geit mal to Schören.
Hoch an' Heben singt de Larken.
Grön, so grön staat Busch un Barken.
Un de Püch in' Dik de quarken.
Mai is eenmal bloß int Jahr!
Dat hüt Maidag is, is wahr!
Jungs un Deerns,. nu dreiht jo, dreiht!
Juch! Wildat de Maiboom steit!

In: Die deutsche Nordmark. Schleswiger Blätter für Heimat,
Kunst und Literatur. Beilage zu Nr.100
der Schleswiger Nachrichten vom 30.4.1937






Und daß ich es nur eingesteh:
es hat ein jeder Garten
sein Stück Gethsemane.

Da, wo dich packt das Bangen,
als wärst du pharisäerisch
in eigenem Garn gefangen.

Du wendest dich und irrst im Rund,
von deinen eignen Schritten
sind deine Füße wund,

bis deine Hand den Kelch gefaßt
und bis zur Neige
du Gottes Bitternis getrunken hast.

            Hermann Claudius
 (Handschriftlich auf dem Umschlag des Buches:
Steinbach, Walter. Saure Wochen, frohe Feste!
Berlin/Leipzig: Gustav Weise Verlag. 1937
in stark geänderter Form übernommen in N 32






            Ein Kind geboren ...

Ein Kind geboren! Ein Kind! Ein Kind!
Von Gottes Gnadenschale die reinste Zähre rinnt.
Wollet lernen, sie nicht zu trüben.
Denn es muß also sein.
Daß Gottes Lieben
Immer tiefer schreite in alle Menschheit hinein.
Siehe, von seiner Gnadenschale die reinste Zähre rinnt:
Euch ward ein Kind geboren. Ein Kind!

            Hermann Claudius
In:  Steinbach, Walter. Saure Wochen, frohe Feste!
            Berlin/Leipzig: Gustav Weise Verlag. 1937
            S.15


1938-1939        tintenfeder


                        Wiegenlied für Claudia
                       
                        Von Hermann Claudius
                                  
                        In deinen Augen ist ein Licht,
                        du Kleine -
                        Weit kommt es her. Ich weiß nicht,
                        was es meine.
                       
                        Vielleicht sind wir in diese Welt
                        verloren,
                        aus einer anderen in sie
                        geboren.
                       
                        Nun ist der Traum noch in dir
                        von der andern.
                        Und deine Blicke wundern sich
                        und wandern.
                       
                        Wir Großen stehn und sind geheim
                        befangen.
                        Und können doch nicht mehr
                        zurückgelangen.
                                  
                        In:  Hamburger Anzeiger
                             vom 23.10.1938
                        geändert und mit neuem Titel
                        "Christiane" übernommen in KG 58
                        26.7.1993
                       








            Hermann Claudius:
                           Das Wunder
           
            Acht Monate noch kaum, mein Enkelkind,
            und so geschwind
            schon hast du mich besiegt in meinen grauen Haaren.
            Nein, das zählt nicht nach Jahren,
            was da aus deinen Augen sieht,
            was da in deiner kleinen Seele blüht! -
           
            Es ist die Welt voll Jammer
            rundum. Ich gräme mich in meiner stillen Kammer.
            Mich deucht das Leid der Erde unermessen
            und so, als habe Gott sie ganz vergessen.
            Als herrsche nur die Lüge und das Böse,
            davon uns keiner mehr erlöse.
           
            Doch sieh: kaum hast du leis' mich angelacht,
            da ist das Wunder schon vollbracht.
            Da ist die Welt auf einmal wieder gut!
            Da ist auf einmal wieder hell mein Mut!
            Und wie ich dich in meine Arme hebe,
            da denke ich nicht länger mehr, ich lebe!
           
            In:  Volk und Kultur. Unterhaltungsbeilage
                 der Berliner Börsen-Zeitung - Morgenausgabe
                 Nr.187   S.8  vom 22.04.1939
           
       [Hier der Urdruck des in Z 43/1940 übernommenen Gedichtes.
       Es erschien 2 Tage nach dem 50. Geburtstag Hitlers,
       "als herrsche nur die Lüge und das Böse!"]
           

           




Grashüpper. En olen Rimel.

Grashüpper in de Bur! Grashüpper in de Bur!
Dor kümmt de Kerl mit sine Stang',
wo all de Hüpperhüs an hang',
Grashüpper in de Bur!

Grashüpper in de Bur!
Min Vadder seggt: muß sülwen fang'.
Du büst jo für den Hüpper bang'.
Grashüpper in de Bur!

Grashüpper in de Bur!
Nu heww ick doch den Groschen kreg'n
un kann min' Hüpper na Hus nu dräg'n.
Grashüpper in de Bur!

Grashüpper in de Bur!
He singt doch ok? Op jeden Fall!
Un beter as de Nachtigall!
Grashüpper in de Bur!

Grashüpper in de Bur!
Un wenn he nich glik singen deit -
ick sett mi für em hen un fleit!
Grashüpper in de Bur!
Grashüpper in de Bur!

In:  Hamburger Anzeiger
     Nr. 165/1939





Gebet

Herr, stimme meine Harfe, so tief du willst,
nur nimm sie nicht aus meinen Händen,
eh' ich mein armes Werk vollenden
und dir in Demut danken kann.

Und laß mich keine Lieder künden,
die nicht von dir beschattet sind,
die einer andern Sehnsucht Kind
und nicht in deiner Liebe gründen!

Und ist mein Saitenspiel verstummt,
ist leer und öde meine Stunde,
dann reiß getrost die Herzenswunde
mir bis zur letzten Quelle auf!

Dann werden meine Lieder rauschen,
von dir gesegnet, wie ein Strom;
dann klingt es wie im hohen Dom,
und Erd' und Himmel werden lauschen.

ohne Verfasserangabe, wahrscheinlich Hermann Claudius.
Vertont von Bruno Stürmer  (ca. 1939).
Das Manuskript lag bei Stürmer in einer Sammlung
von Hermann-Claudius-Gedichten.





Gunnar Gunnarsson
Von Hermann Claudius

Du gehst mit schweren Schritten wie ein Bauer.
Die Scholle unterm Schritte haftet schwer.
Du gehst geschlechterhin, geschlechterher.
Und hier und dort stehn Schatten auf der Lauer.

Und wo sich eine Lücke zeigt, da treten
Sie wirkend ein. Nun ist der Segen euer.
Und vollgeladen fährst du in die Scheuer.
Und deine Hände finden sich im Beten.

Ihr kennt euch lang, dein alter Gott und du.
Gestützt auf Schild und Schwert mit langem Barte,
So thront er jenseits auf der hohen Warte.
Und wenn du kommst, winkt er dir gastlich zu.

In: Eutiner Almanach aus dem Jahre 1939
Berlin: Frundsberg 1940  S.30-31





           
            Hans  C a r o s s a
           
           
            Träumte es mir oder erzähltest du's,
                 daß dir einst Goethen begegnet,
            als du gen Passau niederstiegst.
                 Es hätte geregnet.
            Du hättest ihm artig deinen Schirm angeboten -
                 ach! -
            Und so schrittet ihr beide unter demselben Dach.
            Ich bin auf dieses Bild wie versessen,
            lieber Carossa, und kann es gar nicht vergessen.
           
           
            In:  Glossen oder Sottisen
                 über poetische Freunde
                 "ganz für mich solo!"
                 1939
           


1940-1941       tintenfeder



Sonnenwende

Der Abend sinkt ins Fenster ein.
Wie bin ich mit mir selbst allein.

Wie ist die Nacht so sternenweit.
Wie furchtbar ist der Schritt der Zeit.

Wie geht er eilend durch mich hin.
Was will das arme Wort: ich bin?

Und: Gott! - was will dies andre Wort?
Es ist, als stürze alles fort.

Ein Abgrund reißt sich auf, ein Schrei!
Und alle Schöpfung ist vorbei.

In: Eutiner Almanach 1940









Finale

Herrgott, laß mich mit mir allein.
Ich mag nicht länger unter Fremden sein.
Ich bin für diesen Irregang zu klein.
Entlaß mich zu den Meinen!

Ich gab mich, schüttete mich willig aus.
Doch nirgend ward ein voller Klang daraus.
Ein Lächeln hier und dort. Und ja - Applaus.
Ich könnte weinen.

Denn immer fühl ich mehr und immer mehr,
daß diese Zeit im letzten Grunde leer.
Und daß ich nicht in diese Zeit gehör'- -
O du mein Garten!

O du, mein Weib und meine Kinder vier!
Laßt uns zusammen stehn und gehn, daß wir
auf dieser vorgefahrenen Erde hier
der besseren Wendung warten.

16.12.:
* der Seele schönerer Wandlung gläubig warten
Kolding/Dänemark 15.12.40
Manuskipt in „Tagebuch einer Dänemark-Fahrt“





            Een Hamborg-Leed

                  Vun
            Hermann Claudius

Din Jungfernstieg de makt dat nich,
ok nich din Haben, Lüch bi Lüch,
un Kran bi Kran, un Dock bi Dock,
dat makt ok nich din Köm un Grog,
nich din Burstah mit sin Gewimmel -
dat, Hamborg, makt alleen din Himmel.

Dor treckt de Wulken hen so swör
un hebbt so sünnerliche Klör.
Dor treckt se hen so gries un grot
un bört de Elw in ehren Schot,
as Moder, de ehr Kind wull eit.
Wo deep un still dat aten deit!

So deep un still, so geit din Sprak,
so geit din Seel un geit din Sak,
so geit din Hart, so gaht din Hann'.
So giwwt' man een in dütsche Lann'.

Un wenn de Sünn denn ünnergeit
un Stadt un Strom in Füer steit -
wat is dat schön! wat is dat schön!
Min Hamborg, ja: so giwwt' man een!

In:  Hamburger National.
Ein Buch von Hamburgern für Hamburger
Hrsg. Karl Kaufmann
1940. Verlag Hamburger Tageblatt. S.44
(Einmaliger Sonderdruck für Hamburger Soldaten
zur Kriegsweihnacht 1940)




An Margot

Daß einer in der Ferne weiß,
den andern weiß, ist wunderschön.
Laß mich in deine bitterernsten
Fischermädchenaugen sehn!

Wann war es doch? Wann war es doch? -
Es ist wohl tausend Jahre her.
Die Seele war wie weite See.
Die Wogen gingen schwang und schwer.

Wo war es doch? Wo war es doch? -
Im fernen Lande Wundersam.
Die See, die sang und sang ihr Lied,
das uns in seine Arme nahm.

Und ist es doch zuweilen mir,
als ob es gestern erst geschah,
daß ich in deine bitterernsten
Fischermädchenaugen sah.

Hermann Claudius    1941





Inmitten

O heiliger Brauch:
Gott anzurufen mit stummem Hauch
und stillem Gesicht.

Als hörte  E r  nicht,
als ob jede
Sprache  I h n  uns nur zerrede.

Und doch - und auch:
atmet nicht hinter jedem guten Worte
der göttliche Hauch?

(Zeitungsausschnitt ca 1941/44? - M.Speyer-Stade)


1942        tintenfeder


Birken, ihr schwanken ....
     Von Hermann Claudius

Birken, ihr schwanken am Wege.
Was steht ihr tränenschwer?
Siehe, meine Seele
Heimlich weint mit der euren.

Wie sie sich weitet!
Glasklarer Dom!
Die weiße Wolke der Wehmut
Steht mitten darin.

Süße Träne der Sympathie!
Wie sie die Welt verklärt!
Göttlichen Atems
Ist sie auf einmal voll.

Mädchen, jungfrauliches,
Was hebt deine Brüste
Der Liebe entgegen,
Der mörderischen - ?

Süße Gewalt, die alles
Wandelt!
Doch in der Tiefe
Mit dem Tode gepaart.

Was willst du trotzen?
Immer
Schreitet Er neben dir.
Du hörst Seinen Schritt.

Es ist der Schritt des Tänzers
Am Dunkel des Abgrunds,
Er weiß
Um alles.

Armes verlorenes Herz!
Doch fand ich dich wieder -
Immer warest du reicher nur
Denn zuvor.

Lächelt am Weg, ihr Birken,
Ihr schwankenden!
Wundersame Gewalt der Zähre:
Ich lächle mit euch.

In:  Deutsche Zeitung in den Niederlanden
     Volk und Kultur
     2.J  Nr.261  vom 24.2.1942






Jahrhunderttausende rinnen
   Von Hermann Claudius

Was ist es, das auf einmal
mein Herz mir bange macht?
Ich liege lang und wache
und sinne in der Nacht.

Auf meiner Seele Grunde
wogt es hin und her
und wogt es auf und nieder
wie Wellen auf dem Meer.

Das wirbelt, wogt und brandet
und wogt und endet nicht
und wirft die wilden Wasser
mir spöttisch ins Gesicht.

Ich seh die jähen Brecher
mit rauhem Blicke an
und habe nur den Becher,
mit dem ich schöpfen kann - -

Jahrhunderttausende rinnen -
du Tröpflein, du -
was soll all dein Beginnen?
Gib dich zur Ruh!

Jahrhunderttausende rannen
vor dir. - Gemach:
Jahrhunderttausende werden
rinnen hinternach.

Jahrhunderttausende, immer,
grauer Mantel der Zeit,
ohne einen Schimmer
froher Geborgenheit.

Aber der heilige Wille,
der in allem lebt!
Aber der heilige Wille,
der im Tropfen bebt!

Der im Auge zittert
nach dem ewigen Licht,
den die Träne wittert,
wenn sie niederbricht.

Selig, wer ihn getrunken!
Selig, wer ihn empfand!
Selig! - Siehe, die Zähre
rinnt auf die schreibende Hand.

In:  Deutsche Zeitung in den Niederlanden
     2.J  Nr.226  vom 20.1.1942





Ich weiß, woran deine Liebe zu mir zerbrach,
zerbricht.
Die alten Dämonen,
aus Watt und Schlamm emporgestiegen,
die mir im Blute noch wohnen,
du magst sie nicht.

Sie sind härter als dein
lieber Herr Jesus Christ.
Sie haben ein Lachen und ungebärdiges Gähnen,
sie haben ein wollüstiges Gliederdehnen,
lässig, wie Meereswelle ist.

Sie sind erdenalt von Leibe
und dennoch voll lästerndem, listigem Übermut
und schäkern auf der grauen Flut
mit des Mondes goldgelber Scheibe.

Und der Mond verlischt ...
Ihn verschlangen die grauen Wachen.
Du hörst noch ein letztes heiseres höhnisches Lachen
zwischen Schaum und Gischt.

aus dem Manuskript „Huld und Schuld“.
In: Wappen von Hamburg.  10.J  H.3  S. 11  Sept.1942





Sanssouci
   Aus dem Manuskript „Huld und Schuld“

Das Haupt erhoben - leise vorgeneigt
den süßen Leib, steigt sie die Marmorstufen
nun lächelnd nieder. Und am Rand die Götter,
sie lächeln marmorn ihrer Herrin zu.

Denn eine Herrin schreitet sie herab,
des Königs Leibgeliebte, Seelverwandte,
des ungekannten Königs all der Schlösser,
die ungesehn im Umkreis rund umher,
ob deren Tore er ihr heimlich Zeichen,
die  E r i c a , verliebt in Stein hieß hauen,
olivengrün den Grund und gold und purpurn.

So schreitet sie herab in Majestät:
Regina Erica et Virgo coeli.
Und ihres Leibes Süße ist ihr Thron
und ihrer Glieder Anmut ihre Krone.
Und Leid und Lust und Lieb und Trieb und Tränen
sind hingebreitet ihr, ein bunter Teppich,
den wie im Traume nun ihr Fuß betritt ...

In: Wappen von Hamburg. 10.J  H.3  S.11  Sept.1942







In der Nacht
  Hermann Claudius

Meines Bettes Stille
ist nun um mich her.
Und des Tages Wille
ängstet mich nicht mehr.

Alles hüllt das Schweigen
in sein Dunkel ein.
Was mir innerst eigen
nur, verblieb noch mein.

Und ich lieg zu lauschen,
kaum mir selbst bewußt,
dem verborgenen Rauschen
in der eigenen Brust.

Oder ist's von Chören
aus dem Weltenall,
traumestief zu hören
nur ein Widerhall?

Wundersame Weise
singt es durch mich hin,
leiser nun und leise,
bis ich nicht mehr bin.

Bis ich mir entschwunden,
selbst mir unbekannt,
für geheime Stunden
in ein andres Land - - -

(Zeitungsausschnitt ca. 1942)





Claudia
Von Hermann Claudius

Mein Enkelkind du, kaum zwei Jahr',
aus deinen Augen blickt es klar,
wie nah Gottvater einst uns war.

So nahe wie dem Baum und Strauch
in ihres Wachens stummem Brauch
und jedem Tier im Felde auch.

Es zieht mich immer wieder hin.
Es geht mir weh durch meinen Sinn,
ob ich nun traurig, ob ich glücklich bin.

Du holdes, helles Kinderland,
was hat uns denn aus dir verbannt? -
Und winkt uns Gott noch heimlich mit der Hand? -

(Zeitungsausschnitt vom 29.3.1942)




Weihnachten 1942
 Ein Briefblatt von Hermann Claudius

Bei einer Kerze
      Sonett von Herm.Claudius

In deinem winterdunkeln Abendzimmer
zünd' eine hohe weiße Kerze an.
Und hast du dieses mit Bedacht getan,
so setze dich und schaue in den Schimmer.

Welch' selig Auf und Ab in dem Geflimmer.
Und auch in dir, du stiller Stubenmann,
fängt dieses Auf und Ab zu leuchten an
und wandert, wächst. Und immer mehr und immer

schaut all dein Leben aus dem stillen Scheine.
Und wo du lieb gehabt, da leuchtet's auf,
als wäre es die Liebe nur alleine,

die Leben brachte aus dem Kerzenlichte.
Und so, als wäre es dir zum Gerichte.
Und einer Träne läßt du ihren Lauf.






Weihnacht-Motette 1942

Der Heiland Jesus Christus ward geboren!
Zweitausend Jahre haben viel verschüttet.
Zu Kirchenbauten ward Sein Blut verkittet.
Und dennoch ist das Heil uns nicht verloren.

Die Er sich einst zu Jüngern auserkoren,
sie waren arm und waren schlicht gesittet.
Sie wußten nur, wie einer gläubig bittet,
und hörten nur mit ungeübten Ohren.

Und dennoch: was von Ihm sie ausgebreitet,
Matthäus, Marcus, Lucas und der Eine,
Johannes, der Ihm lieb war: o, wie weitet

sich Deine Seele, gläubige Gemeine!
Und klügle nicht und keltere die Trauben
zum dunkeln Wein des Lebens durch den Glauben!

20.12.42

Johann Wolfgang und Ina und Georg Seidel
Frohe Weihnachten!
HermClaudius
(Originalbrief im Deutschen Literaturarchiv Marbach)








Eschenhus-Idyll

Von der Terrasse blick' ich in den Garten.
Mein treuer Kater liegt mir eng zur Seite,
und ab und an so kraul ich ihm das blanke
und sonnenwarme Fell. Das ist mein Garten,
vom Eschenhus gen Süden bis zum Knick hin,
wo Pfaffenhütchen, Weißdorn und Holunder
nun ihre Blüten breiten.  Es ist Juni.

Vom Wege rechts, der durch des Gartens Mitte
blitzsauber abgesteckt, schnurgerade hinführt,
lehnt unser Apfelbaum. - Die letzten Blüten -
beim leisen Windhauch taumeln sie nun nieder.
Und war vor Tagen noch ein Immensummen
in seiner dichten Krone, die nun grün wird.
Und nah am Knick - ich nenn' ihn den Japaner,
da neigt sich unser Pflaumenbaum im Bogen
mit seltener Anmut - leise muß ich lächeln -
als habe Hokusai ihn gezeichnet.

Die Erbsenbeete, nach dem warmen Regen
dünnhälsig hochgeschossen, schrei'n nach Buschwerk.
Es wird mir schwindlich fast, wenn ich sie anseh.
Und der Salat! Er leuchtet in der Sonne
gleich einem Kissen, das ein Zaubrer hinwarf.
Auch des Spinates dunkelgrüne Reihen
stehn kraß und saftig. Ja, der letzte Regen!
Und meiner Trude-Tochter Fleiß und Obacht!
Just eben ging sie, Erbsenbusch zu schneiden.
Und der Rhabarber: breit und rot gestengelt.
Du schaust ihn an und glaubst dich in den Tropen.

Inmitten der Johannisbeerensträucher
da fängt es an, sich traubenhaft zu röteln.
Und wo sich linkerhand gleich hinterm Rasen
die kleine Blumenhecke - ach - Franziska,
ich sehe noch dich eifrig-froh sich bücken
und Irisknollen und die Bauernrosen
in deinen schmalen feinen Frauenhänden
mit leisem Lächeln in die Erde betten -
dieselbe Erde, die dich selbst nun bettet . . .
Die kleine Blumenecke hat der Winter,
der bitterharte, der von Osten herkam,
gar arg gelichtet. Doch die Iris - siehe! -
so dicht und Schopf an Schopf sah ich sie nimmer.
Ein heimlich Grüßen wohl? Wer will es wissen?

Es hat der Himmel langsam sich bezogen,
und immer weiter decken grau und grauer
die Wolken mir den freien Blick der Sonne.
Im Osten steigt es dunkelvioletten
vom Horizonte auf. Die Schwalben schießen
ums Dach des Eschenhus und übereifrig
eilt hin und her der Star nach seinem Kasten,
den noch Knecht Luten auf der längsten Leiter
hoch in die Pappel hing. Längst hat der Krieg uns
ihn fortgeholt. Er liegt im weiten Osten.

Und dort grüßt überm Knick hin hoch die Eiche
im zarten Filigranschmuck ihrer Blüten
und allerersten gläser-grünen Blätter
die Schwester-Eiche hinterm Haus am Hügel,
wo meine beiden Eschen fast noch nackt stehen,
die schlanken, ranken, reckenden, nach denen
das Eschenhus den Namen hat. Ei Teufel -
es zirpt ein Spatz, den Vers mir zu verderben,
ununterbrochen. Doch ich ignorier ihn.
Auch blökt des Nachbars Hammel auf der Wiese
und zerrt im Umkreis an der Eisenkette.
Doch horch! Da ist sie wieder: meine Amsel.
So voll und schwer schlägt keine. Wohl, ich kenn sie.
Es ist beinah, als säng sie mir zur Muße,
den steten Fluß des Verses mir zu sichern -
bis - Donnerwetter! - eine goldenblanke
und freche Fliege, wupp, sich auf mein Blatt setzt
und sitzen bleibt und sieh: mit zarten Beinchen
sich ihre Flügel streift. Nun geht's nicht weiter,
sonst flög sie fort. Und somit Finis. Punctum.

(geschrieben vermutlich im Juni 1942)
In:  DIE KOGGE. Sonntags-Beilage der Lübecker Zeitung
     Nr.266  vom 26.9.1943
Text an einigen Stellen geändert zu dem Abdruck in
„Das deutsche Hausbuch“, Berlin 1943  S.170/171







Als Elly Ney spielte ...

Im beseelten Rhythmus
kommen wir Menschen
der Gottheit am nächsten:

im beseelten Rhythmus des Wortes,
im beseelten Rhythmus der Farbe,
im beseelten Rhythmus der Musik.

Und mich will bedünken,
in der Musik am vollendetsten.

Hermann Claudius
10.IX.1942

(Albumblatt mit Federzeichnung)
[Auktion Dörling, Hamburg 1.12.92]





Hymnus für Karlsbad
.....
Laß mich trinken, laß mich trinken,
laß mich tief in dich versinken,
Quell, der aus der Gotteskraft
wie am ersten Tage schafft!
Lass' mich kleines Stundenwesen
deiner Ewigkeit genesen!

Laß ein Tröpflein mich - o DU ! -
trinken Deiner Gottesruh!
Daß ich wahrhaft bin und sei,
aller Erdenängste frei
ganz mit Leibe und mit Leben
jenem  E I N E N  hingegeben,
das uns hebt und das uns hält
durch den Widersinn der Welt.
Dampfe, Quell, und hüll mich ein!
Atem du der Erde!
Laß mich dir zu eigen sein
in dem neuen Werde!


Hermann Claudius 1942
In:  zitiert bei: Egerländer Zeitungsdienst
     ezd Nr.37  Blatt 2  Sept.1980

1943         tintenfeder



April, ein letzter Widerstreit
von Sonne, Wind und Regen.
Und jeder hofft ohn‘ Sorgen –
und jeder hofft, dass morgen
der Frühling siegt und uns befreit.
Schon Birken ganz geheimnisvoll
ihr grünes Kleid sich wirken
und stehn geschmückt wie Bräute,
als sei schon Hochzeit heute.
Die Amsel flötet: Veigeli!
Die Blümlein all, da kommen sie!
Die Finken stimmen schmetternd ein.
Die Sonn‘ vom Himmel lacht darein.

Doch eine Wolke – schau!
kommt tückisch hergezogen.
Sie kümmert nicht der Blüten Pracht.
Sie kommt daher mit großer Macht.
Umsonsten fragt dein Herz: Warum?
Die Blüten zart, die Blüten zart –
mit dichtem Schnee sie deckt sie hart.

Hermann Claudius
Mspt für Jahreskantate 1943




Dezember

Herz, sei bereit! Herz, sei bereit!
Hell in des Jahres dunkelster Zeit
leuchtet Licht der Ewigkeit.
Um die Wintersonnenwende
finden gläubig sich die Hände.
Feuer lohen hoch und hehr
ob des Lichtes Wiederkehr.
Schließt die Kette! Schwingt den Reigen!
Macht die Sonne höher steigen!
Öffnet eure Herzen sehr
heil’gen Lichtes Wiederkehr!
In das Dunkel unsrer Zeit
leuchtet Licht der Ewigkeit.
Seid bereit! Seid bereit!

Hermann Claudius
Mspt Jahreskantate 1943






An Weinheber

Ich singe und du hämmerst. Und Gott Vater
läßt lächelnd uns gewähren, denn  E r  weiß es:
vor  I h m  da schweigt mein Lied und sinkt dein Hammer.

zitiert bei Schönfeld, An Hermann Claudius zum 65. Geburtstag
Rheinisch-Westfälische Zeitung Essen vom 22.10.1943




Durch Wolken klüftete der Mond
und gleißte überhin das Meer.
Die Wasser überschäumten sich.

Im Nachtwind ächzte noch der Wald,
Marienkäfer zauberisch
aus Laubesdunkel funkelten.

Auf einmal fühlt' ich Deine Hand,
auf einmal sah ich Dein Gesicht -
im Winde flatterte Dein Haar.

Du lächeltest. Es fiel der Mond
aus Wolkenspalt mir in den Blick.
Da schwand Dein Bild. Im dunkeln Laub
Marienkäfer funkelten.

Hermann Claudius 7.7.43

[mit handschriftlicher Notiz:]
der eine ganz große tiefe Sehnsucht hat nach Dir. 27.X.43

In:  Mittagsblatt, Hamburg
     Freitag, 22.10.1943,  S.5




Nachtlied
von Hermann Claudius

Ich flehe die guten Geister an
um die Mitternacht,
einer der guten Geister halte
bei dir die Wacht.

Da, wo die Stätte ist, wo
dein Atem geht -
da, wo dein Bette ist, wo mein
Atem dich noch umweht.

Ach, wir atmen nun voneinander
wohl windeweit.
Du und ich ohne einander -
sage, was ist uns die Zeit?

Ich flehe die guten Geister an
um die Mitternacht,
einer der guten Geister halte
bei dir die Wacht.

Der gute Geist sei bei dir, der schon
mit meinem Ahnen war.
Heimlich streichelt er dir und lächelnd
dein loses Haar.

In:  National Zeitung, Essen
     14.J  Nr.303/304  vom 8./9.11.1943







Reimerei über das Sonett

's ist ein vertraktes Ding, so ein Sonett:
Fünffüßige Jamben und dazu die Reime.
Und so, daß der Gedanke nicht verschleime.
Und nicht zu mager und auch nicht zu fett.

Und auch dabei ein weniges kokett!
Im Süden trieb es seines Wesens Keime.
Und daß man, wo es brüchig, klug verleime!
Wie einer Cello spielt - im Flageolett.

Und daß es mehr als bloße Worte werde
und soll es sich nicht eitel überpurzeln,
so muß es doch auf deutschem Boden wurzeln

und Säfte saugen aus der deutschen Erde.
Und nicht nur „Lichter“ hab' es, sondern Seele -
womit ich mich als Dichter ihm empfehle.

In:  Münchner Neueste Nachrichten
     Nr.7  vom 8.1.1943






Schwalben
Von Hermann Claudius

Zwitschernd, schwatzend und in dichten Reihen
hockt ihr auf den Telegraphendrähten,
weißgebrüstet all und spitzgegabelt
all die Schwänzchen. Und das Flügelspreizen
zittert hin und her. Die dunkeln, blanken
kugeligen Äuglein sind voll Blitzen
und die Köpfchen hin und her vor Unruh.
Ach, die Sehnsucht nach des Südens Ferne,
nach der Ferne, die ihr nie erschautet,
doch die euch im Blute liegt. Was weiß ich?
Treibt es doch mich selber, daß ich flöge,
wären Flügel mir wie euch gewachsen.
Doch so kleb' ich an dem Ort und heiße
Heimatliebe es, wie es denn Tiere
auch genugsam gibt, die ihre Höhle,
darin sie geboren, nie verlassen.
Bin ich euch doch mehr verwandt, ihr Schwalben.
Immer hockt sie zwitschernd auf den Drähten,
meine Seele, ach, und spreizt die Flügel,
spreizt die Flügel, ach - und bleibt am Orte.
Will ihr nimmer doch der Flug gelingen.
Einmal wird es sein. Und eine Ahndung
lebt davon in mir und will nicht sterben:
daß die Seele oder was zuinnerst
ich, ich selber bin, des Körpers ledig,
den wie eine Schale ich zurückließ,
frei und groß und nur sich selbst gewärtig
selige Mitte sei und in sich ruhe,
wie der Gott, eh' Er die Welt geschaffen,
nur ER SELBER war.
O heilige Sehnsucht!



Zwitschernd, schwatzend ihr in dichten Reihen -
morgen werden alle Drähte leer sein.

In:  [Zeitung aus Hamburg]  Nr. 205  vom 25.? 9.1943





                            Heldengedenken
                                                 Von Hermann Claudius
                                              
                        Die ersten gelben Primeln
                        halten wir in der Hand,
                        legen sie in Gedanken
                        nieder in fremdem Land
                       
                        auf jenen Hügeln allen
                        ohne Kranz und Stein,
                        wo ihr kämpfend gefallen.
                        Und wollen bei euch sein.
                       
                        Ohne große Gebärde,
                        ohne großes Wort.
                        Heilig sei die Erde!
                        Heilig sei der Ort!
                       
                        Helden ihr, lebendig,
                        was auch kommen mag -
                        in uns herzinwendig
                        bis zum letzten Tag.
                       
                        Primeln sollen blühen
                        zwischen uns und euch
                        und der Glaube glühen
                        für das Deutsche Reich!
                       
                       
            In:  Deutsche Zeitung in den Niederlanden
                 3.J  Nr.286  vom 21.3.1943
                       
                       

1944        tintenfeder


G o t t -
im Rauschen seines Laubes
lobsingt Dir der Baum.
Jede Blüte im Garten
ist deines Preises voll.
Aus dem Dämmern des Waldes
ruft der Pirol.
Und am Bache bebend
lausch' ich dem Sange der Nachtigall.
Dich flüstert der Wind im Hain.
Und der Sturm auf dem Meere
schreit Deinen Namen.
Fühlt nicht der Krieger
im Prall der Granaten
furchtbar Dich, Gott?

Alloffenbarer Du meiner Seele -
laß mich Dich preisen,
laß im Gesange
all mich umfangen,
was je Dir lobsang:
Rauschen des Laubes,
Lächelnd der Blüte,
Schluchzen der Nachtigall,
Ruf des Pirols,
Flüstern des Winds im Hain,
Sturmschrei des Meeres - ja:
Bellen der Schlacht - -
Mein Herz -
ach, du verzage nicht!

Hermann Claudius
(Herbstliche Rhapsodien VI)
In:  Der Wagen, Lübeck
     1942-44  S.179-183
geändert übernommen in:
     Schleswig-Holstein
     10/1957





Herr, ich lobsinge Dir!
Gott Du, ich danke Dir!
In Deiner Ewigkeit,
Herr Du, erhöre mich!
Sieh hier mich knien Du
auf Deiner Erde hier,
Schemel der Füße Dein!

Wär' ich gering - auch Du,
Herrgott, verzeih es mir! -
wärest der Gott Du nicht,
der mir im Herzen wohnt.

Herrgott herzinniglich,
Meister Du minniglich,
Vater, erhöre mich!

Amen! - Das bitt' ich Dich
Der ich Dich fühle nah!
AMEN PER SAECULA!

Hermann Claudius
(Herbstliche Rhapsodien VII)
In:  Der Wagen, Lübeck
     1942-44  S.179-183
leicht geändert übernommen in:
     Schleswig-Holstein
     10/1957





Morgengrauen
  Von Hermann Claudius

Die Pappel steht im Winde
und rauscht ihr altes Lied.
Die Zeit die graue Binde
sich um die Augen zieht.

Sie mag es nicht mehr sehen,
was ewig sich vertauscht.
Geschehenes Geschehen.
Die Pappel steht und rauscht.

In:  Deutsche Zeitung in den Niederlanden
     Volk und Kultur
     4.J  Nr.287  S.5  vom 22.3.1944







Gisela
  Von Hermann Claudius

Der Tag noch nachtverhangen.
Du bist schon fortgegangen.

Doch immer noch und immer
verspür ich dich im Zimmer.

Ist all ein Winken, Weben
von deinem jungen Leben,

du meines Herzens Wonne.
Im Osten steigt die Sonne.

In Freuden und in Leiden
gehört der Tag uns beiden.

(Zeitungsausschnitt 1944)





An Gisela

Man möchte nichts jetzt als nur Gärtner sein,
der heimlich Samen in die Erde bettet
und seine Seele so vor Sorgen rettet,
als wäre er Getrösteter. Allein

auch dieses wäre Wesen nicht, nur Schein,
der uns dem Stundenwerk aufs neu verkettet.
Wo ist die Allmacht, die uns selber rettet?
Wann weckt auch uns ein Frühlingssonnenschein?

So harren wir und harren wir im Dunkeln
und hören über uns den Ewigen schreiten
und lächelnd wohl ob unseren Dunkelheiten -.

Doch sehe ich zur Nacht die Sterne funkeln,
so ist es mir, als bräche nun die Hülle
und mich umfinge Seine Gnadenfülle ...

In: Hamburger Fremdenblatt. 116.J 
Nr.108  S. 1  vom 19.4.1944






Gisela
Von Hermann Claudius

Was soll es großer Lieder?
Ich liebe dich so sehr
wie die Sonn' den Flieder,
so wie der Sturm das Meer,

so wie der Halm die Ähre,
so wie das Gras den Tau.
Ist nichts, das ich begehre
als dich, geliebte Frau ...

Der Schöpfungstage sieben
umstehn mich feierlich.
Ich kann nicht anders lieben
als lieben nur durch dich!

(Zeitungsausschnitt  15.Nov.1944)








Liebeslied

Und immer wieder stand ich am See.
Und immer wieder trank ich mein Weh.
Und immer wieder sah ich es ein:
wir können nicht ohne einander sein.

Nicht ohne einander wie Wolke und Wind,
die ewig unzertrennlich sind.
Nicht ohne einander wie Schatten und Licht,
daß eines sich am andern bricht,
daß eines sich am andern hebt,
daß eines von dem andern lebt.

Nicht ohne einander wie Tag und Nacht,
wie  G o t t  von  U r  her es gedacht.
Wie Atem  G o t t e s  immerzu
hinausgestoßen: ich und du.

In: Heim und Kleid. Deutscher Hausschatz,
Nürnberg. Jan.1944  S. 7







Drei Liebeslieder
Von Hermann Claudius

War in einem andern Land.
Gingen beide Hand in Hand.

Land der götterheitern Ruh.
Gingen beide, ich und du.

Vögel sangen in dem Hain.
Mein war dein und dein war mein.

Rundumher ein Blütenkranz.
Unser Schreiten war ein Tanz.

Unser Wort, das war Gesang.
Und die weite Halde klang.

In: Hamburger Tageblatt. 16.J  Nr.144  vom 27.5.1944




Laß mich deine Hände halten.
Was uns bindet, weiß ich nicht,
du in meiner tiefsten Seele
ungesungenes Gedicht.

Laß mich deine Hände halten,
bis es in dich überquillt
alles, was in meiner Seele
dir gewillt, nur dir gewillt.

In: Hamburger Tageblatt 16.J  Nr.144  vom 27.5.1944






Was ist denn nur geschehen?
Und ist wohl wunderbar.
Allüberall ein Wehen
von deinem blonden Haar.

Allüberall ein Winken
von deiner lieben Hand,
allüberall ein Blinken
bis an des Baches Rand.

Und aus dem Wasser schauen
zwei Augen auf mich her.
Ach, deine stillen blauen -
und ach, so liebesehr.

Es will mich schier betören.
Ich schließ die Augen zu.
Wann darf ich dir gehören,
o du - - - - !

In: Hamburger Tageblatt. 16.J  Nr.144  vom 27.5.1944




Der Besuch
    Von Hermann Claudius

Eben ist der Morgenbesuch
fortgegangen.
Ich fühle noch seinen Atemzug
in der Stube hangen.

Der fremde Geist, der mich umweht',
will noch nicht weichen.
Ist alles umher noch fremdes Gerät,
nicht meinesgleichen.

Ich habe mich endlich umgewandt:
du glaubst an Gespenster? -
Und hebe lächelnd meine Hand
und öffne das Fenster.

In:  Zeitungsausschnitt vom 25.11.1944






    Für  H a n s  G r i m m
        am 1. Dez. 1944
      von Hermann Claudius

Und dennoch bin ich der Poet,
der gern die eignen Wege geht,
die keiner weiß, die keiner kennt,
wo ihn von sich kein andres trennt,
wo er nur bei sich selber sei,
ja, von sich selber selber frei,
nur jener innern Stimme hört,
die in ihm selbst nach ihm begehrt,
so wie die Gottheit ihn gedacht,
da er geboren ward zur Nacht.

- - - - - - - - - - - - - - - -

Der Weg geht hin in Dämmerung.
Die Birkenstämme gleißen jung.
Sie stehen nackt und zier und zart,
tief eingebettet ihrer Art.
Und stehen stumm und doch beredt.
So geht der Weg und geht und geht.
Mir ist, als lief ich nackt und bloß
der großen Mutter in den Schoß.

- - - - - - - - - - - - - - - -

[Am Briefkopf von Claudius' Hand die Zeichnung
einer Blume mit weit geöffneter Blüte.]







Waltraud
Von Hermann Claudius

Erst sechzehn Jahr
und fast noch Kind
und zart wie
Frühlingsblüten sind.

Und wie ein Reh
so scheu und schön.
Ich wagte kaum,
dich anzusehn.

Und sah dich doch.
Und du sahst mich.
Und da war keines
mehr für sich.

Und unserer Stimmen
Flüsterton,
der war in sich
verschwistert schon.

Ach, du gar zärtliche
Gestalt -
was gilt der Seele
jung und alt?

Weiß keine, wo,
weiß keine, wann -
vergib, wenn ich
dir wehgetan! -

In: Deutsche Zeitung in den Niederlanden.
Nr.59  S.5  vom 5./6.8.1944




Gisela

Daß wir einander gehören,
steht in den Sternen geschrieben.
So mußt' ich dich, mußtest du mich lieben.
Und wie durch die Äonen
wandelt der Sterne Reigen,
so bin ich dir, bist du mir innerst eigen.
Lehne dich an mich und schaue
in das Sternegeflimmer.
Du und ich, ich und du scheiden uns nimmer.

(Zeitungsausschnitt  Dez. 1944)





G i s e l a

Nun bist du vorgedrungen
bis in mein tiefstes Wesen,
seit ich dein Lied gelesen,
das du mir hast gesungen.

Blieb mir der Atem stocken,
von Jauchzen hingerissen,
gedoppelt dich zu wissen.
Und stand und schier erschrocken.

Den Ort in mir, den nimmer
noch Liebe je erklommen,
hast du nun eingenommen
in schöpferischem Schimmer.

O unfaßbarer Segen:
daß nichts dem Bunde fehle,
liegt Seele nun an Seele
wie Leib an Leib gelegen.

Dem  G O T T , der es geduldet,
will dieses Lied ich weihen.
Er möge mir verzeihen,
der ich  I H M  tief verschuldet!

Wie eine hohe Halle
so wölbet sich das  E I N E ,
das Meine und das Deine.
Die Orgel braust mit Schalle.

Wir neigen am Altare
in Demut stumm uns beide,
daß  E R  in Lust und Leide
in Gnaden uns bewahre - -

in einem Brief an Hans Grimm vom 14.12.1944






Hymnus
Von Hermann Claudius

Wozu trinkt unser Aug' das Schöne ein?
Was nötigt uns, es immerdar zu trinken?
Vielleicht wird es der Seele edler Wein,
wenn uns die Götter zu dem Mahle winken.

Dann hebt die Seele freudig den Pokal,
so freudiger, je froher sie getrunken.
Und alle Götter stehen auf vom Mahl.
Und alles Dunkle ist hinabgesunken.

Und ist um dich ein Klingen und ein Licht,
wie es noch nimmer deine Unruh stillte.
Und alles ist gesammelt im Gedicht.
Und leuchtend stehst du lächelnd: der Erfüllte.

(Zeitungsausschnitt 25.7.1944 – M.Speyer-Stade)



Abendlied

Wohl, es gibt eine Stille -
ist nicht von dieser Welt.
Nur deine ahnende Seele
weiß davon.

Ist wie ein Vogelsingen
und doch ein andrer Klang.
Wer sie nicht hörte, wahrlich,
weiß nicht um sie.

Wer aber sie erhorchte,
nie vergißt er den Ton.
Immer steht er harrend,
ob er nicht wiederkehre.

Soll ich von Engeln singen,
faltenreichen Gewands -
schwebend mit goldnem Fittich
selig dahin?

Komm, o holde Musik,
heilige, jenseit dem Wort!
Sei es Orgel, sei's nur
einer Flöte Getön!

Wohl, es gibt eine Stille,
ist nicht von dieser Welt.
Nur deine ahnende Seele
weiß davon.

(Zeitungsausschnitt ca 1941/44? - M.Speyer-Stade)


1945      tintenfeder


Arthur Illies - '75

(Zum 75. Geburtstag von Arthur Illies am 9. Februar 1945)

Du bist der seltene Meister,
der nimmer ruht.
Noch immer gärt es und treibt es
in Deinem Blut.

Du bist wie alter, edler Burgunderwein
und willst wie er mit Andacht getrunken sein.

So heb' ich mein Glas, heb' Deines!
Es gelte der Klang!
Kurz ist das Leben und nichtig,
die Kunst ist lang.

In:  Arthur Illies.
Zeichnungen, Briefe, Lüneburg. Hrsg von Kurt Illies.
Hamburg 1985: Hans Christians Verlag. S. 40









An ein junges Mädchen

Sie klingen nicht umsonst so gleich,
Liebe, Leid, Lied.
Sie sind so Hölle als Himmelreich,
Liebe, Leid, Lied.

Sie kommen, wie die Winde gehn,
Liebe, Leid, Lied.
Du mußt es lassen still geschehn.
Liebe, Leid, Lied.

Halt nur dein Herze immer hin -
Liebe, Leid, Lied.
Das ist des Lebens weher Sinn.
Liebe, Leid, Lied.

Denn wen sie ließen bar und frei,
Liebe, Leid, Lied,
der lief am Leben doch vorbei.
Liebe, Leid, Lied.






In religio
Von Hermann Claudius

Immer enger ward das Wort
E w i g k e i t , als schwänd es fort
aus dem seelischen Bereich,
unstet, einem Schatten gleich,
und als fänd in Hetz und Hatz
länger mehr es keinen Platz,
wo es von den Dingen frei
bei sich selbst zu Gaste sei,
wo es zwischen Nacht und Tag
sich allein gehören mag.

Langsam sag ich's für mich hin:
E w i g k e i t - und weiß den Sinn,
ob er auch dem Wort entblüht,
ungesagt mir im Gemüt.
Und je mehr ich mich ihm neig',
ist es heimlich mir, als steig'
von ihm auf ein stummer Glanz
und umfang die Seele ganz,
himmlisch wie ein Heiligenschein.
Und ich bin mit ihm allein
wie auf alten Bildern gar,
als noch fromm der Bildner war
und aus seiner Seele tief
hob, was darin lag und schlief,
halb die Augen aufgetan.
Ei, ihr lieben Mal-Kumpan
Dürer, Rembrandt, Jan van Eyck - -
Auge schau und Lippe schweig.
Wohl die Seele wird mir weit.
Und ein Fähnlein wird die Zeit.
Und sie flattert wie ein Band
lose mir in meiner Hand
und entgleitet mir. Ich bin
in dem Ewigen mittenin,
in dem Ewigen, das wird
und mit keinem Werk sich irrt,
dessen ich auf seiner Spur
selbst ein flüchtig Zeichen nur,
doch ein Zeichen immerhin.
Und so weiß ich, daß ich bin.
Und die Seele wird mir weit - -
Atemzug der Ewigkeit.

(Zeitungsausschnitt 27.3.1945 - M.Speyer-Stade)





Ich geh durch eine Stille
und gehe durch ein Licht.
Mein Wünschen und mein Wille -
die wußten beides nicht.

Und wie ein Blinder geh ich
und horch mit taubem Ohr.
Und alles innerst seh ich.
Klein Klang, der sich verlor.

Und wem's nicht widerfahren,
dem widerfuhr es nicht.
So rundet sich nach Jahren
die Frucht, eh Gott sie bricht.

Er sieht wohl auf sie nieder
mit einem Blicke mild.
Dann hat  E R  ins Gefieder
der Sterne sich gehüllt.

18.12.1945
[Aus einem Brief an Hans Grimm, Möller 5/153]


1946       tintenfeder


Lied der Tiefe

An meine tiefste Tiefe
rührt nicht der Griff der Zeit.
Als ob es drunten schliefe,
mich traumhaft zu sich riefe
in seine Einsamkeit.

Wie alles stumm gerundet
und freundlich in sich ruht.
Kein Uhrenschlag, der stundet.
Von allem Leid gesundet,
ist alles ganz und gut.

An meine tiefste Tiefe
rührt nicht der Griff der Zeit.
Als ob es drunten schliefe,
mich traumhaft zu sich riefe
in seine Einsamkeit.

Hermann Claudius
Nov. 1946
Brief an Armin Knab

-






April – das ist der Eulenspiegel.
Bald hat er Gold, bald Dreck im Tiegel.
Marienblümchen zart – oweh!
er bettet sie in schnellen Schnee.

Aber die Birken! Aber die Birken!
Wie sie schon ihr Kleid sich wirken!
Und am Heckenweg den Schlehen
ist das Wunder schon geschehen.

Drosseln flöten: Veigeli!
Siehe! Und da kommen sie
unter Laub und Gras herfür.
Pflück ein erstes Sträußel dir!

Und die Sonne hat‘s gesehn.
Und sie möchte mit dir gehn –
aber eine Wolke – schau –
kommt gezogen regengrau.
Lauf! Der Eulenspiegel lacht,
weil es ihm Vergnügen macht.

Hermann Claudius
22.11.1946





Wie ein segelloses Boot
treib ich auf dem Meere
zwischen Leben hin und Tod.
Um mich lauter Leere.

Windesstille um mich her.
Zwischen Tod und Leben
auf dem unermessnen Meer
fühl ich so mich schweben.

            Hermann Claudius
            24.11.1946 Eschenhus
            Brief an Armin Knab




Dezember
    Von Hermann Claudius

Die Bäume standen weiß bereift
und wie von Schleiern leis' verhangen.
Da sind wir beide, du und ich,
den morgenstillen Weg gegangen.

Wie fühlte ich bei jedem Schritt
all deines Leibes süßen Segen.
Wie in den Winterzweigen war
in mir und dir ein Sich-Bewegen.

Und fand doch hin zu keinem Wort,
es mit den Lippen auszusagen.
Und wie die Knospen haben wir's
verborgen in uns forgetragen.

In: Allgemeine Kölnische Rundschau. 1.J 
Nr.45  S.5  vom 29.12.1946





Alen Müller-Hellwig
zum 6. Juli 1946

Das Leben kommt, ist da - und es entschwebt.
Doch so wie Du's mit Deinem Werk verwebt,
daß es in allen Fasern davon bebt:
Deß Leben ist nicht heut' nur und jetzund -
es ist von tausend schönen Fresken bunt -
hinausgewachsen über Zeit und Stund.
Gleich einem Widerhall vom Schöpferglück
des großen Gottes kommt es Stück für Stück
an seinem Tage zu Dir selbst zurück.
So rundet sich das stumme Rätsel Zeit.
Es breitet lächelnd seine Arme weit.
Und eine Stunde atmet Ewigkeit.

Am Morgen des Festtages geschrieben
im Burgtorhaus
Hermann Claudius
abgeschrieben aus dem Gästebuch
Gisela Claudius








Dezember

Der Winter schlug den Wald in Bann.
Von Finsternissen starrt der Tann.
Die Felder liegen schleierweiß.
Und alle Wasser deckt das Eis.

Da alles Licht verloren ward,
das Kindlein uns geboren ward.
Es lag bei Ochs und Eselein
und musste doch des Himmels sein.

Und musste doch des Himmels sein.
O wunderstiller Weihnachtsschein.
O Wunderstimme, Engelssang
noch fern, noch leis‘, noch scheu, noch bang –

O werde stark und werde rein
und lehr uns alle gläubig sein,
dass, da das Licht verloren ward,
die Liebe uns geboren ward.

Hermann Claudius
22.11.1946

1947-1949       tintenfeder


Herrn Prof.  E r n s t  E i t n e r
     zum 80. Geburtstage

Es kann keinem Maler sein Werk gelingen,
hat er nicht seinen Meister gefunden hinter den Dingen.

Wenn er nicht mit erschrockener Seele spürte,
wie eine heimliche Hand seinen Pinsel führte.

So als ob in dem ungeheuren Geschehen
er ein Bote nur sei im Vorübergehen,

immer zu schauen, immer wieder zu schauen
und der heimlichen Hand am Werke zu trauen.

Menschlicher Bote mit allen Lastern und Sünden
dennoch Gott zu schauen und Gott zu künden.

Stille, still, mein Wort, dass mir Demut bleibe
und mich nicht aus dem großen Geheimnis vertreibe,

angekommen über Raum und Zeit
auf der Brücke zu Gottes Herrlichkeit.

Hermann Claudius  1947





Sternennacht

Auf der Schwelle ins All
steh ich und schau in die Sterne.
Aus der unendlichen Ferne
über mir grüßen sie mich.

Wuchtig der Wagen. Und dort
Freias gleißender Wocken!
Alles ein Leuchten und Locken,
unauslöschliche Saat!

Schon als Knabe einst so
stand ich und meinte, es möchte
greifen danach meine Rechte
wie nach den Bällen im Spiel:

Glutender Aldebaran!
Sirius, glühender, reiner!
Und du schimmernder feiner
Schleier des Siebengestirns!

Fern dem Lärmen der Welt,
all ihrer ächzenden Eile
stehe ich stumm und verweile,
wie es der Seele gefällt.

Wie es der Seele gefällt,
in sich selbst sich zu runden,
ort- und stundenentbunden
ewigen Sternen gesellt.

In: Lübeckische Blätter 85.J  Nr.6  S.130 
vom 18.12.1949









Reifendes Gedicht

Möchte mein Gedicht so sicher
aus der Seele sich entspannen
wie die Blüte aus der Knospe
wachsend in dem schönen Wandel
sonnenselig sich erfüllt.
Doch nur selten bin dem Schöpfer
ich so nahe wie die Blüte,
daß mein Wandel nur gehorsam
seinem Willen eingebettet
aus dem Urgrund aufgebrochen
schöpferisch die Worte fügt.

Wie einer, der aus schönem Traum erwacht -
der Sommermorgen öffnet seine Augen.
Und wie verlassen hängt der bronzene Mond.
Und dort, wo unterm dichten Laub der Eschen
der weiße Nebel nicht die Wiese kleidet,
da ruhn im Schlafe friedlich junge Rinder,
eins an des andern Wärme hingebettet,
dem Tag entgegen, während bronzen immer
der Mond noch steht, ein Beichtiger der Nacht.

Im Juli

Und wie aus sommerlichem Traum erwacht,
so hebt der Morgen seine Augenlider.
Vergessen hängt die bronzene Scheibe Mond.
Und nahe dort, wo unterm Waldesrand
die weißen Nebel nicht die Wiese decken
und noch die Nachtgestalt verstohlen hockt,
da ruhen eins am andern eng sich bergend
als treibe Furcht sie vor dem Nebelgast
und müd die Kühe, schwarz und weiß geschichtet.
Und immer überm Walde noch verblassend
die bronzene Scheibe hängt: der volle Mond.

In:  Die Muschel. Lebende deutsche Erzähler.
Lübeck/Eutin. H.4  vom 29.7.1949  S. 76





Vorfreude
Hermann Claudius

Vor Weihnachten faßt es mich an gar eigen:
Ich muß zurück in die Kinderzeit steigen.
Weihnacht!

Wie klein war die Welt! Doch tief wie ein Traum -
Und Vater kam mit dem Tannenbaum.
Weihnacht!

Weg! rief der Vater, weg, und geschwind!
Kinder, sonst werdet ihr alle blind!
Weihnacht!

Der Baum ward geputzt, und die Goldfahne rauschte.
Und ich lag mit den Brüdern im Bett und lauschte.
Weihnacht!

Und wir summten wohl leise ein Weihnachtslied
und schliefen dann ein, vom Lauschen müd'.
Weihnacht!

Und schliefen selig und sahen im Traum
leuchtend den lieben Lichterbaum.
Weihnacht!

In:  Seewind. Jugendzeitschrift für Schleswig-Holstein.
Lübeck. 1.J  H.8  S.1  vom 10.12.1949

1950        tintenfeder


Das Untergründige


Als ich der weise Rabe war
fern auf dem Iran,
sah ich mir alle Dinge der Erde
von oben an.

Danach bin ich als Kröte durch China gekrochen
und habe mir alles,
gemach,
von unten berochen.

Nun zum Dritten;
da ich als Menschlein auf Erden gelitten:
steck' ich überall elend inmitten.


Hermann Claudius
In: Schleswiger Nachrichten
    vom 8.11.1950




„G O“

Monatelang weilte er bei den einsamen Mönchen
am Berge Athos im schönen Griechenland,
beugte sich ihrem Orden
und kehrte zurück,
zuinnerst ein Anderer geworden.
Und seine Hand
berührte alle Dinge dieser Erde nur leise,
als seien sie Schein
und ihre innere Weise
müsse von Gott verborgen dahinten sein.

Er liebt darum die Dinge der Welt um so mehr.
Nach ihrem geheimen Wesen trägt er Begehr,
wie er einst am Berge Athos ihnen nahe gewesen.
Du magst es in seinen Blicken lesen
und hören aus seiner Stimme heischendem Überschwang,
wann immer er von Griechen und Griechenland sagte und sang.
Dort, wo die alten Götter immer noch leben
und sich dem Christengotte mystisch verweben,
wo ihre Säulen einsam ragen
und das Lächeln der Götter tragen
im heiteren Kranz ihrer ragenden Kapitäle.

Es ist, als schäle
sich von allem Dinglichen dort die Kruste ab,
und die befreite Seele stiege aus ihrem Grab
jubelnd empor.
So ist er wie einer, der sich selber verlor,
sich traumhaft geworden,
seit er vom Berge Athos schied
und dem mönchischen Orden.

für den malenden Prof. Georg Alexander Mathey
(aus: Betrachtung meines Lebens 1950)





Ein Friesenhaus hat uns betört,
obgleich es uns noch nicht gehört,
sahn wir durchs Fenster schon hinein
und richteten uns häuslich ein.
Wird's nichts, bleibt es auf jeden Fall,
was es heut ist: ein Hühnerstall.
Das wär' für uns die rechte Statt,
wir blickten weithin auf das Watt.
Zwei Holderbüsche stehn davor
in ihrem vollen Blütenflor.
Drum nannten wir im ersten Husch
das Häuschen: Achterm Hollerbusch.

Nebel auf Amrum 1950



Amrum!

Von des Meeres Riesenhand
hingeworfen Sand bei Sand
und der Himmel drüberher
windbewegt und wolkenschwer:
Amrum, das ich meine
Amerum du eine.
Weit das Watt und ebbestill.
Weit, so weit das Auge will.
Eine Möwe fliegt vorbei.
Ferne schon verhallt ihr Schrei.
Amrum, das ich meine,
Amerum, du Eine.

Hermann Claudius
Juni 1950




Amrum

Der Sand im Winde weht.
Siehst du den Wanderer Einsamkeit,
der mit dir über die Dünen geht?

Er geht im gleichen Schritt wie du,
im gleichen Schritt.
Sein Auge ist voll dunkler Ruh.

Er wendet sich und sieht dich an
und sieht dich an,
der einsamstille Wandersmann,

er, der mit dir geboren ward
zur selben Stund
und längst von dir verloren ward.

Der Wind der fegt ihm durch sein Haar.
O Wolkenhaupt!
Du aber wirst ihn nicht gewahr.

Du gehst im gleichgemuten Schritt.
Und ungesehn im Dünensand
der große Andere wandert mit.

Nebel  30.6.1950





Bahnhof-Szene

Ich sah in ein Gesicht, von Leid so schön,
daß ich den Blick nicht von ihm wenden konnte
und mich an seiner Schöne schmerzhaft sonnte.
Und blieb so lange blickverloren stehn.

Und stand so lange blickverloren da
und konnte mich der Wahrheit nicht erwehren
und sah das Leiden ein Gesicht verklären,
wie es mir nie im Leben noch geschah.

Und war es mir, als drücke eine Hand
und gleichnishaft wie einst dem Menschensohne
aufs hingebeugte Haupt die Dornenkrone.
Und tieferschauernd hab ich mich gewandt.

In:  Unsere Illustrierte. Rio Grande, 1950?




Weihnachtabend

Wenn wir am Christbaum die Kerzen entzünden,
weichen von uns Sorg und Sünden.
Und wir fragen nicht nach Gründen.

Fragen nicht mehr, schauen, schauen,
trinken tröstliches Vertrauen,
ferne allem Gram und Grauen.

Gleich dem Kinde, das nach oben
zu dem Kerzenschimmer droben
seine Augen hell erhoben.

Zu dem Glanz, dem engelreinen
all der Kerzen, die nur scheinen
und nicht mahnen und nicht meinen.

Alle harten Häßlichkeiten
wichen fort in dunkle Weiten.
Unser Herz will sich bereiten

jenem Wunderwandelbaren,
dem als Kind wir nahe waren.
Siehe: und des Hauses Laren

sammeln sich, mit uns zu singen
von den lieben, heiligen Dingen.
Hörst du nicht die Himmel klingen:

Frieden, Frieden sei hienieden
allen Menschen nun beschieden
über alle Erde, Frieden!

Gleich dem Kinde, das nach oben
zu dem Kerzenschimmer droben
seine Augen hell erhoben,

laßt uns gläubig aufwärts schauen,
uns aus Trümmern und aus Grauen
schöneres Morgen uns erbauen.

In: Die kluge Hausfrau, EDEKA, Hamburg. Nr.26  S.3 
Dez.1950


1951       tintenfeder


Der goldene Altar in der Neuen Kirche auf Pellworm
          Zu Besuch im Pastorat 1945

Der Altar öffnet sich. Welch breite Schau
erschimmernd rings in Gold und Rot und Blau!
Die heiligen Gestalten dicht an dicht.
Und jede leiht der anderen ihr Licht.
Matthäus, Marcus, Paulus mit dem Schwert.
Und Petrus, der dem Knechte Malchus wehrt.

Und jede steht mit gläubig-stummem Mund
und macht die große Handlung sichtbar kund.
Gebärde, Miene wundersam beredt.
Das Bibelwort geheim dahinter steht.
Es ward Gestalt. Du siehst es vor dir stehn.
Es kann nicht mehr wie Schall im Wind verwehn.

Es steht nun leuchtend da wie in der Nacht
aus Dunkelheit der Sterne Funkelpracht.
„Was heißt Ihr Wahrheit?“ spricht Pilatus, tunkt
die Hand ins Wasser, wie sein Mantel prunkt!
Auf einem Klotz von Gaul ein Legionär.
Maria mit dem Tränentüchlein schwer.

Am Kreuz die beiden Schächer winden sich.
Inmitten ER, der Christus, königlich
erhaben hoch ob allem Erdenleid,
dem Vater nah in Seiner Ewigkeit.

Und mögest du der ärgste Zweifler sein,
Verheißung strahlt mit Allmacht auf dich ein:
wie der Erlöser an dem Kreuze litt
für alle Welt und deine Sünde mit.

Es klingt der hohe Psalm der Hierarchie
voll Gotteskraft und Engelsharmonie.
Du fühlst im Herzen tief, daß dir verziehn,
und mußt anbetend dankbar niederknien
hin in den Glanz von Gold und Blau und Rot,
enthoben aller Not und allem Tod.
Und um dich her - es ist dir wie im Traum -
erklingt ein  A m e n  durch den heiligen Raum.

In: Kieler Nachrichten vom 30.1.1951
(Zeitungsausschnitt – M.Speyer-Stade)




   Abgesang


Auf den Bäumen liegt der Abendschein.
Liebe Seele, kehre bei dir ein.

Immer höher steigt der goldene Kranz,
wie von Engelsfittichen ein Glanz.

Und nun scheidet sich von ihm das Licht.
Höher heben kann der Baum sich nicht.

Und gelassen gibt er sich der Ruh.
Liebe liebe Seele, tu's auch du!


Hermann Claudius
(für Gundula Hille, Bielefeld 1951)
In: Lippische Landes-Zeitung, Detmold
    Nr.247  vom 24.10.1978





Silvester

Die Uhr schlägt zwölf. Das Jahr ist aus.
Laßt uns das Glas erheben.
Und ging es noch so krumm und kraus,
erhebt das Glas und trinkt es aus!
Wir leben noch! Wir leben!

Hinaus dann in die Winternacht!
Es funkeln rings die Sterne.
Orion steht in heller Pracht.
Und die Plejaden flimmern sacht
aus ihrer ewigen Ferne.

Und atme ein die tiefe Ruh.
Und fasse das Vertrauen,
du und dein Volk, dein Volk und du
dem höhern, bessern Ziele zu
sich schöner aufzubauen.

Das alte Jahr - da klang es aus.
Das neue kommt gegangen.
Es löse allen Grimm und Graus
und schütze Acker, Heim und Haus
und laß bei allem Ein und Aus
uns zu uns selbst gelangen.

In: Die kluge Hausfrau. EDEKA, Hamburg. Nr.27 
Dez.1951  S. 14




Mein Dorf

Das Wagenräderrattern,
wenn's zögernd kommt und geht -
und golden der Garbenhimmel
leuchtend darüber steht:

Das ist mein Dorf. Erquickung
dem Auge und dem Ohr.
Über das Gartengitter
beug' ich mich grüßend vor.

Und die Lüttmaid hat einen Kranz im Haar!
Und die satte Sonne sticht.
Und alles ist so hell und klar
und lebendig wie ein Gedicht.

In: Die kluge Hausfrau. EDEKA, Hamburg. Nr.19 
Okt.1951  S. 11
geänderte Fassung in: Hamburger Freie Presse
      vom 11./12.8.1955  S.7







Eschenhus

     Für Armin Knab
  Von Hermann Claudius

Und immer war dein Wesen
den Himmlischen schon nah.
Nun bist du ganz genesen,
da dir der Tod geschah.

Nun bist du unter ihnen,
dem leichtbewegten Chor,
von Heiterkeit umschienen,
die unser Aug verlor.

Nicht, daß ich nach dir spähe.
Ich weiß dich überall
und fühle deiner Nähe
verklärten Überschwall.

(Zum Tode von Armin Knab)

In: Hamburger Freie Presse
   vom 30.6./1.7.1951  S.11





Und so geht das Leben weiter.
Als die Hamburger Buchwoche mich totschwieg,
schrieb ich die folgenden Strophen.
Ich schrieb sie im Bette,
auf das mich ein häßlicher Husten geworfen hatte:


                        1951  (Buchwoche)
                       
                        Ich bin ein Baum geworden
                        wohl hoch so sehr.
                        Die eiligen Leute darunter
                        sehn mich nicht mehr.
                       
                        Ich bringe treulich Blätter
                        und Blüten hervor.
                        Ich höre nur im Gezweige
                        der Vögel Chor.
                       
                        Ich fühle durch mein Gelaube
                        die Winde wehn
                        und fühle den Regen rinnen
                        und bleibe stehn.
                       
                        Und streue die Früchte nieder
                        zu ihrer Zeit.
                        Und über mir stehn die Sterne
                        der Ewigkeit.
                       
                       
                        Hermann Claudius
                        Mspt - 20.10.1951
                        in veränderten Fassungen:
                        "Bin ein Baum geworden"
                        in: Nation Europa, Jan.1952
                            Schleswig-Holstein 2/1954
                            SZa 35
                       

1952        tintenfeder


De Linn' de blöht!

De Linn' de blöht!
Wa rükt dat söt!
Wa ward so licht
mi Hart un Föt!
Un meist, as wör
ick wedder Gör
un Mudder op'n
Schot mi bör.
Dat is wull lang all her - - -

Un all de dusend Immen ok
sünd klöker as de Minschen klok.
Se sugt un sugt. Dat smeckt jem söt.
Un se verget ok nich ehr Leed.

So gah ick ünnerweg de Linn'.
Un kann 'ck ok nich de Ursak finn',
sünd mi so licht doch Hart un Föt',
wil dat de Linn'bom blöht.

In:  Westfalenpost. Bunte Welt am Sonntag. Nr.163 
vom 19.7.1952






Alter Poete

Ich wähnte wohl, meine Flamme
erleuchte die Welt.
Nun weiß ich um die Enge,
die sie erhellt.
Hier und dort noch ein Winken,
aufblitzend ein Blick
gleich einem Widerschein
zur Flamme zurück.
Dann wird es immer stiller
und still im Kreis,
bis daß die Flamme selber
sich nicht mehr weiß.
Da packt es wohl mein Herzblut
mit jäher Lust,
doch ich verschränke die Hände
mir über der Brust
und lächel der Träne, die langsam
vom Auge mir rinnt,
und sag zu mir selber leise:
„Du großes Kind!“

In: Lüdenscheider Nachrichten. Beilage: Märkisch-Sauerland
    Nr.29  vom 27.5.1952





Armer Schmetterling

Ein buntes Pfauenauge
flog hin am kahlen Hag,
als ob ihm schon tauge
der erste Frühlingstag.

So gläubig ist das Leben!
Du lichterpichter Tor!
Ich sah ihn leuchtend schweben,
bis ihn mein Blick verlor.

Als ich am andern Morgen
ans Fenster mich gewandt,
da war ein Reif gefallen
und deckte weit das Land.

In: Die kluge Hausfrau. EDEKA-Zeitschrift, Hamburg.
Nr.10 - Mai 1952  S. 11
leicht geänderte Fassung in Thie 72/1968






Erntelied
Von Hermann Claudius

Der Wagen schwankt goldgarben-schwer
den Holperweg ins Dorf hinein.
Die Hunde kläffen vor ihm her;
der Bauer schreitet hinterdrein.

Er wischt sich von der Stirn den Schweiß
und freut sich doch der Garbenfracht.
Der Sommertag war ernteheiß:
Doch nun ist er zu End' gebracht.

So ward aus Erde Korn und Brot.
Des Himmels Segen kam dazu.
So wehrt der Bauer aller Not -
und wahrt sich seines Herzens Ruh.

Drum darf es auch gefeiert sein
mit einem bunten Erntekranz
und mit dem Krug, ob Bier, ob Wein,
und - heißa! - mit dem Erntetanz!

Uranfangher schon war es so
und wird in Ewigkeit so sein:
Nur Ernteschweiß macht erntefroh
und gibt das Recht zum Ringelreihn.

In: Die kluge Hausfrau. EDEKA-Zeitschrift,
Hamburg. 1952  S.3







Es ist ein Reif gefallen

In weihnachtlicher Weiße
stehn Busch und Baum und Strauch.
Und jedem Halm im Grase
ward das Wunder auch.

Ich setze durch den Morgen
behutsam meinen Schritt.
Und silberig verborgen
die Sonne wandert mit.

Das schimmernde Gegleiße
läßt keinen Zweig allein
und hüllt in seine Weiße
den stillen Wandrer ein.

In: Westfalenpost. Bunte Welt am Sonntag.
Nr.290  vom 20.12.1952




Ballindamm

O über den ewig-geschäftlichen Schritt
dieser kaufmännischen Herren!
Wie sie voreinander sich sperren
im Gehen!

Keinen Baum, keine Sonne mehr sehen,
und möge sie noch so maimorgendlich
in der Binnenalster sich malen - -
Sie denken Profite, Kredite nur, Ziffern
und Zahlen.

Das kitzelt mich, daß ich aufspringe
und lauthals über den Ballindamm singe:
„Der Mai ist gekommen - - „
Es wird ihnen nicht frommen.

Aber hört, was ich sage:
An jenem Tage,
da ich nichts mehr vom Kinde in mir habe,
bringt mich besser zu Grabe!

In:  Sonnenstrahl. Geist und Gestalt. Lauf bei Nürnberg
     H.21  Mai 1952  S.5




Julimittagsstunde

Ich lehn in meiner Grotte
mich gegen das Gestein
gleich Pan, dem alten Gotte,
im satten Sonnenschein.

Und laß die nackten Glieder
ruhn und dehne sie
und sinne alte Lieder
und ersehne sie.

Wie sie vor Zeiten waren,
als keine Zeit noch war,
und unter weißen Haaren
noch Jugend sich gebar.

Und horch: da kommt's geklungen
aus Baum und Busch und Moos,
vom Safte kraftdurchdrungen
aus altem Erdenschoß.

Daß ich ins Wort sie hebe
und singe hell und klar,
auf daß es lebe, lebe,
was wortverborgen war.

Was wort- und sinnverborgen
nur bändigt Menschengeist
und immer neuen Morgen
und neuen Tag verheißt.

Ich singe in der Grotte
im satten Sonnenschein
gleich Pan, dem alten Gotte,
mit meinem Lied allein.

In:  Sonnenstrahl. Geist und Gestalt.
     Lauf bei Nürnberg. H.23  Juli 1952  S. 34




Die neue Pforte
...
Doch wie dann ausgewogt das große Gotteslied,

Was im Geiste gewesen schon vorher am Orte,
nun steht sie wirklich da: die neue Pforte.

Heimatlich in rötlich-freundlichem Scheinen
festgegründet die Pfeiler aus Klinkersteinen.

Und aus kerniger alter Eiche geschnitten
in ihren Angeln sich wiegend die Tür inmitten.

Lächelnd und mit leisem Gefühl des Stolzes
streichele ich die Maserung ihres Holzes.

Bleibe sinnend so an der Pforte stehen.
Werden viele kommen und werden gehen.

Wolle es der Allmächtige in Seiner Güte,
daß ein guter Engel die Pforte hüte.

In: Westfalenpost am Sonntag
      Nr. 211  vom 13.09.1952

1953        tintenfeder


So bin ich wohl: im Sprunge
enteilt mein Wort der Zunge.

Nicht jenes, das mit Mühen
zum Werke mir gediehen

und das in mir geschehen,
um seinen Weg zu gehen -

doch dieses hart daneben,
daran die andern kleben,

die kleinen Wartewichte.
Die machen mich zunichte.

- Zunichte nicht! Der Große
im Himmel kennt die bloße,

die Seele mir im Leibe
und sorgt wohl, daß ich bleibe.

In: Die Volksbühne, Hamburg. 4.J  H.3 
Okt.1953  S. 55





Mutterliebe

Solang ihr noch klein seid,
in allem noch mein seid:
wie lieb' ich euch, Kinder!

Und wenn ihr dann groß seid
und fern meinem Schoß seid:
ich lieb' euch nicht minder.

Denn wie es sei: ob dort, ob hier,
ihr bleibt doch immer ein Stück von mir.

In:  Die kluge Hausfrau. EDEKA, Hamburg. Nr.9 
Mai 1953  S. 1




Gethsemane
    Von Hermann Claudius

Wenn meine Seele zuinnerst fleht -
am andern Ende von meinem Gebet
der Herrgott selber wartend steht:

wie Jesus Christus hingekniet
im Garten, da man ihn verriet,
und sich dem Vater anbeschied ...

Zeitungsausschnitt, Goslar 1953




Schwalben

Die Schwalben, die Schwalben,
die Schwalben sind wieder da!

Als ich Knabe war,
preßte ich mein Gesicht an das Fenster
und sah sie weißrückig flügelgebreitet
über die grauen Dächer flitzen.

Die Schwalben, die Schwalben,
die Schwalben sind wieder da!

Als ich Jüngling war,
glitten sie mir mitten
durch meine mühsamen Logarithmen
und verhedderten sie.

Die Schwalben, die Schwalben,
die Schwalben sind wieder da!

Als ich Vater geworden,
wies ich meinen Kindern
das speichelgeklebte zierliche Nest.
Und die Alten flogen ab und zu
und atzten die schwatzenden Jungen.

Nun ich alt geworden,
singe ich ihnen dankbar dieses Lied.

Denn die Schwalben, die Schwalben,
die Schwalben sind wieder da!

Zeitungsausschnitt Wetzlar, 28.4.1953




Oktobernacht

Oktobernacht. Und voller Sterne.
Lösch aus dein Licht und schau hinauf
Und ahne ihren ewigen Lauf
Und ahne ihre ewige Ferne.

Und fühl den Riesenerdenball
Zu Füßen dir und nur noch eben
Und leis' an deinen Sohlen kleben.
- - -
Und wirf dich jauchzend in das All.

In: Der Kurier, Berlin. Nr.247  S.3  vom 22.10.1953




Sommerbild
  Von Hermann Claudius

Blaugrün die schmale Vase,
orangenrot der Mohn,
geöffnet in Ekstase.
Ich laß kein Aug' davon

und weiß um das Erwarten,
das alles Leben spannt,
und rühre leis' die zarten
Blüten mit der Hand.

In: Hamburger Anzeiger S. 5  vom 19.6.1953




Stürzt das Dunkel
in meine Seele ein,
ist sie auf einmal
mutterseelen-allein,
als ob nur mein
Atem der einzige wär‘
alles rundum mich
leer.
Als ob mein Atem
Wort müsste werden,
auf dass ein Ort
wieder wäre auf Erden.
Und von dem Ort wieder
über die Lücke
hin zu Gott hin des Wortes
heischende Brücke,
hin zu I H M  in Seiner Einsamkeit,
der den Menschen einst geschaffen
und Ort und Zeit.
Den Menschen – ach! – der seines Ursprungs
vergaß
und mit Begierde
modernde Erde fraß
und immer weiter modernde Erde frisst
und kein Maß mehr hat,
das ihn selber misst,
als das selbstgemachte
aus eitelm Tand,
das er werkte und wechselt
mit eigener Hand.
Und so starre ich
über Zeit und Ort
in das saugende Dunkel
und suche das Wort.
Jenes eine Wort, das die Brücke schlägt,
in das Ewige
über die Lücke mich trägt,
der ich dennoch nichts
als das Echo bin
seines Rufes – ach!-
durch das Dunkel hin.


Hermann Claudius

stark verändert übernommen in
„Die Neue Schau“ 1953  S.268





Weihnacht

Dein Weihnachtsbaum kann nicht die Welt erhellen.
Den Gottessinn der Schöpfung weißt du nicht.
Vertraue dennoch deinem Kerzenlicht
und fühle es aus seinem Schimmer quellen.

Und fühl von seinem Schimmer dich umfangen
und suche nicht nach eines Wortes Sinn.
Und gib dich ganz dem holden Wunder hin,
um endlich zu dir selber zu gelangen.

Denn du bist doch nach einem ewigen Willen
das Zünglein an der großen Waage Welt.
Und der verborgen sie in Händen hält,
der wird auch deine Sache einmal stillen.

Uns ist ein Kind geboren - singt das Lied.
Ja, in dir selber sei das Kind geboren!
So ist dir deine Weihnacht nicht verloren,
wenn nun der Engel durch die Nächte zieht.

In:  Zeitungsausschnitt Detmold 1957
In:  Gemeindedienst Hannover. Lesepredigten für
Gottesdienst und stille Andacht Nr.48 von 1953




Liebe Neuenkirchener Oberjugend!

Eure Klasse:
die hat wirklich Art und Rasse.
Da ist was dran!
Und zumittels Wilhelm Fredemann.
Ich wollt nicht an seiner Stelle sein
von wegen der Mädel Äugelein,
wovon Goethe schon geschrieben.
Es ist (Gott sei Dank) dasselbe geblieben.
Bei den Fotos - damit wir auf der Erde bleiben.
Zween Äpfel und die Wurst ...
sie ging schon in Scheiben.
Ihr Lieben, nehmt das Gekratzel nicht krumm.
Lyriker sind immer ein bißchen dumm -
schrumm.
 Euer Hermann Claudius“

In: Schulstunden mit einem Dichter.
Meller Kreisblatt Nr.245  vom 20.10.1953





Auf eine Sonnenblume
Von Hermann Claudius


Mächtige Sonnenscheibe,
trächtiger immer noch,
beugst dich deiner Schwere,
aber lächelst doch.

Leuchtende und herbstlich
Weise schon, im Traum
strahlest du im gelben
Feuerblütensaum.

Bietest dich der Hummeln
Summ-Gewimmel dar
stumm so wie im Anfang
alle Schöpfung war.

Prächtige Sonnenscheibe,
trächtig überschwer,
Leuchtende, nach deiner
Art begehr ich sehr.


In:  Hamburger Anzeiger
     vom 22.10.1953  S.5

1954       tintenfeder


Der Bas (Kallfontain)
(Ludwig Brinckmann-Münster zu eigen)

I.
Schlag mich, Bas, schlag zu! Du musst mich schlagen!
Deine Herde lief mir in den Mais.
Ich war eingeschlafen. Es war heiß.
Schlag mich, Bas! Mehr hab ich nicht zu sagen.

Baumeshoch der Bas kam heim vom Jagen,
greift den Ziemer, doch er lächelt leis,
schlägt gemessen zweimal zu. Er weiß:
anders kann’s der Kaffer nicht ertragen.

Der sieht dankbar auf den Bas und hastet
fort an seinen Ort. Er ist entlastet.
Auf die Plattform tritt der Bas. Schon steigen

rings die Sterne aus dem ewigen Schweigen.
Hoch das Kreuz des Südens steht und glüht.
Leise summt der Bas ein deutsches Lied.

II.

Deutschland! Wie ein Sternzusammenprall
leuchtet auf sein Licht rundum die Erde,
wie ein allgewaltiges neues Werde,
leuchtet auf und endet im Zerfall.

Leer in Afrika wird Farm und Stall,
fortgetrieben Schaf- und Rinderherde.
Baumeshoch der Bas mit Trotzgebärde
hinter Stacheldraht schaut auf ins All,

wo die Sterne unvergänglich stehen,
Mond und Sonne auf- und untergehen.
Immer wieder hält er in den Händen

jenen Brief: sein Farmertum zu enden,
des gefallenen Bruders zu gedenken,
väterlich geschaffenes Werk zu lenken.

III.

Deutschland: Enge Arbeit, doch zuhaus.
Baumeshoch der Bas der Einsamkeiten
muß ererbtes Werk mit Umsicht leiten.
Und er tut’s und findet bald sich aus.

Jeden Mittwoch aber – Grimm und Graus –
packt er seinen Stock, hinauszuschreiten,
wo die Heidehügel braun sich breiten,
Wettereichen ragen krumm und kraus.

Jede Blume wird er dann gewahr,
Häher, Heister, die vorüberstreichen.
Wie ein Baum, so wie er immer war,

steht er auf dem Hügel sondergleichen.
Wer den großen Glauben nicht verloren:
an sein Volk, der weiß sich neugeboren.

Hermann Claudius  21.X.1954


Hermann Claudius
Mspt 1954




Pfingstwunder

Schreite hinaus denn mit bloßen Füßen,
Gras und Erde und Kraut zu grüßen,
Wo eine Buche leuchtend sich breitet,
Wo ein grünes Saatfeld sich weitet,
Wo ein Bächlein äst am Grund -
Säume und träume und trink dich gesund!

Über die Felder, die weiten Felder,
Über Äcker, Wiesen und Wälder
Seligkeit liegt ausgegossen.
Tausend Keime sind entsprossen.
Das grüne Wunder am dürren Stecken
Will das Wunder im Geiste wecken.

In:  Sonnenblumen. Bamberg. 7.J  H.6  S. 1  Juni 1954




So ist es denn ein seltsames Gebot.
Und es vollzieht sich ohne mein Besinnen:
ich horch nach außen, und ich horch nach innen,
als hocke ich am Rand von unserm Sod

wohl zwischen Nacht und Tag, Leben und Tod,
mank ünn' un baben, un mank bab'n un ünnen.
Un een dat mutt dat anner sach verkünnen,
sin Lust un Leed, sin Freid un ok sin Not.

Sonst bliebe alles leeres Wortespiel.
Es ist wie grauer Wolken Sich-bewegen
und auf den Acker niedergehn als Regen.

Und wissen selber nicht um Gang und Ziel.
Deep ünnen ut den Sod - dat mußt du lehrn -
lücht mannigmal an' hellen Dag en Steern.


Hermann Claudius
Sonett Modersprak III
(Ick weet wull: wenn ick Hochdütsch)
In:  Uns' Moderspraak – S.22
Schleswig-Holstein 6.J  Juni 1954





II.

Du hest wull recht, min ol holsteener Platt.
Ick weer noch lütt, dor kröpst du in min Ohren.
Un sit de Tid heww ick di nich verloren.
Un nich blots in min Ohr, du kropst int Hatt.

Dor ringelst du di denn so as en Katt
in' runnen Knüll tosamen. Un din Snoren
weer as Musik un lät mi nich versoren
un summt in düss Minut' üm dütt lütt Blatt.

Dütt is en Heemlichkeit, de ick vertell.
Un beter däh ick dat ok nich vertellen.
De kloke Kopp will allens öwerhell.

Ick kunn dat Bispill wieder noch utpellen.
Alleen dor sehg ick achter de Gardinen
min lewe Modersprak veniensch all grinen.

In: Schleswig-Holstein, Beilage Uns Moderspraak
    Juni 1954  S. 22

1955       tintenfeder


Freund  H a n s , Du bliebst derselbe:
Du eintest Rhein und Elbe
in Heiterkeit und Pflicht.
Soviel auch um dich warben,
Du ließest keinen darben
und hobest sein Gesicht.

Als Zeitungsmann geboren,
der nie sein Herz verloren
- hier lächelt leis der Hans –
bist Du in Last und Lieben
der Lächelnde geblieben
und immer gut und ganz.

Nun sich die siebzig jahren
- wir können’s kaum gewahren –
schenk ein, schenk immer ein!
Es leb‘ das bunte Leben!
Wie’s war, so war es eben
und soll es fürder sein.


Hermann Claudius für Hans Sommerhäuser
zum 70. Geburtstag
In:  Hamburger Anzeiger vom 12.11.1955




Gisela!

Laß Dich meine Liebe umfangen
in frei sich tummelnden Rhythmen!
Der Reime braucht es nicht.
Sie stecken schon heimlich wieder
durchs Abendgesträuch ihr Gesicht.
Aber ich wende mich ab
und hebe den Blick den Wolken entgegen,
wie sie im Feuer der sinkenden Sonne stehn.
O Liebste, das Leben ist herrlich und schön,
seit ich Dich weiß
und Deine Liebe zu mir.

Nichts, wohin ich auch immer schaue,
ist ohne Dich,
ohne Dein helles Auge,
Deine heitere Stirn,
Dein Haargelock.
Es wiche wahrlich alles ins haltlose Leere,
wärest nicht Du mir Spiegel der Welt.
Wer gab ihn mir in meine Hand?
Siehe, der Mond ging auf
und zieht durch ihn hin,
anders, als er am Himmel stand:
silberne Kugel zwischen Dir und mir,
im Spiele geworfen.
Es breitet der Baum seiner Äste Gewalt
durch uns beide hinauf zu den Sternen.

Dort wandeln wir hin.
Du lächelst.
Da lädt uns die Erde
wieder zu sich zurück.
Die Wälder singen . . .

Laß Dich umarmen!
Laß mich in Dir umarmen
alles, was ist.


HermClaudius 30.1.55



Vor der Tür in die Große Ratsstube

(Herrn Stadtkämmerer Dr. Bötcher in
gut-lüneburgischem Sinne und in persönlicher Freundschaft
Sein Hermann Claudius
Eschenhus, den 4.4.55)

Daß wir die Türen in die Wände schieben,
als sei die Tür in Wahrheit gar nicht da,
das sagt uns wortelos, was uns geschah,
und daß wir, was wir waren, nicht geblieben.

Die Würde ist dahin. Sie war den Türen
noch mitgegeben von des Menschen Hand.
Es war Gefühl und war nicht nur Verstand,
von einem Raum zum anderen zu führen.

Die offene Tür: welch' festliche Gebärde!
Welch Wartendes: Was werde nun gescheh'n?
Nun ist da heute nur ein Loch zu seh'n
und nicht das leise Warten: was noch werde.

Und unsere Stuben sind nicht mehr geschlossen.
Man glaubt den eignen Wänden gar nicht mehr.
Wir schieben sie im Geiste hin und her
und treiben miteinander nichts als Possen.

Der alte Meister hatte seine Bürde,
schuf er die Tür, das Amen für den Raum.
Ich seh' ihn oft am Werke noch im Traum
und sehne mich nach seiner Zeiten Würde.


In: Landeszeitung für die Lüneburger Heide.
Niedersächsisches Tageblatt. 35.J  Nr.297 
vom 20./21.12.1980





Heidelied

Die Birke und der Holder,
die geben euch Bescheid:
die eine ist die Freude,
der andre ist das Leid.

Versunken denkt der Holder
Jahrhunderte zurück.
Die Birke lacht und leuchtet
der Stunde grünes Glück.

Das ist das Lied der Heide,
das sie mir anvertraut:
die Lerche aus dem Himmel,
die Immen aus dem Kraut.

1955
„Auf Einladung des Vorsitzenden des Vereins
Naturschutzpark weilten zahlreiche niederdeutsche
Dichter in Wilsede, unter ihnen auch Hermann Claudius.
Er widmete uns sein hier abgedruckten ‚Heidelied’“.
In: Naturschutzparke. Mitteilungen des Vereins
Naturschutzpark, Stuttgart/Hamburg
    Heft 5  Dez.1955  S.101
In:  der neue Bund. Wien 4/1958  S.183





Ein Stück Papier

Ein leer Papier im Lampenlicht - -
Noch hat es kein Gesicht.
Das hat mir leidgetan.
Ich setz die Feder an.
Da ist es schon geschehn:
sieht mich an, dich und den,
wird wieder angesehn,
bekrittelt und belacht -

- - - - - - -

Nur sacht, Papierchen, sacht!
Nur keine Angst! Geduld:
Ich berge dich im Pult!

In:  DIE HOREN, Hannover
     3/1955  und 6/1958  S.11