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Lyriker, Autor, Urenkel von Matthias Claudius

Hermann Claudius repräsentiert durch sein langes Leben wie kaum ein anderer Autor die Wirren des 20. Jahrhunderts. Geboren im Kaiserreich 1878 erlebte er als Jugendlicher den Aufbruch der Moderne, war Soldat im Ersten Weltkrieg, stand im Sog der politischen Umbrüche der Weimarer Republik, musste sich gegenüber dem Nationalsozialismus positionieren, stand in der Bundesrepublik zwischen seinem Nazi-Image und einer Anerkennung als Lyriker, bis er als 102-Jähriger in seiner alten schleswig-holsteinischen Heimat 1980 starb.

Claudius hat seit 1912 zahlreiche Lyrik-Bände sowie einige Prosa-Texte veröffentlicht. Darüber hinaus war er als Herausgeber tätig.

Seinen Platz in der deutschen Literaturgeschichte findet er insbesondere durch seine plattdeutschen Gedichte. Einmalig sind seine niederdeutschen Großstadtgedichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Für seine Verdienste um den Erhalt des Niederdeutschen ist Hermann Claudius mit Literaturpreisen geehrt worden.

Einige seiner Gedichte sind als Lieder Volksgut geworden, zumeist ohne sie mit seinem Namen in Verbindung zu bringen, so z.B. „Jeden Morgen geht die Sonne auf" oder das Weihnachtslied „Wisst ihr noch, wie es geschehen?" und vor allem sein berühmtestes Gedicht „Wann wir schreiten Seit' an Seit'", nach wie vor eine Hymne der Sozialdemokraten.

Hermann Claudius ist der Urenkel des Dichters Matthias Claudius (1746 – 1815), welcher als Redakteur und Herausgeber der volkerzieherischen Zeitschrift „Wandsbecker Bothe" als aufgeklärter Christ und Naturverehrer seine Position in der Epoche von Aufklärung und Sturm und Drang findet.

Hermann Claudius hat sich als Christ und durch seine heimatverbundene Naturlyrik bewusst in die Tradition seines Urahns gestellt und sich auch um den Erhalt der Dichtung des Matthias Claudius bemüht, z.B. mit einer Anthologie 1948, „Der Wandsbecker Bote Matthias Claudius".

Das Erbe des großen Namens verpflichtet Hermann Claudius – und führt mitunter zu Verwechselungen. So offenbart z.B. eine Suchanfrage nach der „Apfelkantate", dass unbedarfte Internetseiten dieses von Hermann Claudius geschriebene und 1938 veröffentlichte Gedicht meistens Matthias Claudius zuschreiben. Wohlwollend kann man das so deuten, dass man die geistige Nähe zwischen den Verwandten spürt.

Obwohl Hermann nicht die Berühmtheit und Bedeutung seines Urahns Matthais erreicht hat, wurde seine Person und sein Werk beachtet und beurteilt, durchaus kontrovers. Einige Beispiele können davon zeugen:

„Ihr umfangreiches Werk gehört zum besten literarischen Besitz unseres Volkes".
Bundeskanzler Willy Brandt in einem Glückwunschtelegramm zum 95 Geburtstag 1973

„Keine andere Zeile eines Liedes begeisterte die Arbeiter um die Jahrhundertwende stärker als die Zeile ‚Mit uns zieht die neue Zeit', die Alten und Jungen marschierten unter ihr, die Ärmsten und Ausgemergelsten und die sich schon etwas von der Zivilisation erkämpft hatten; sie schienen sich alle jung. Unter dem Anstreicher wurde die unerhörte Verführungskraft dieser Worte ebenfalls erprobt, auch er verhieß eine neue Zeit. Die Worte zeigte da ihre Vagheit und Leere. Ihre Unbestimmtheit, die nun von den Verführern der Masse ausgenutzt wurde, hatte lange die Stärke ausgemacht."
Brecht, Bertolt [1939]: Zu „Leben des Galilei". Anmerkungen. In: Gesammelte Werke. Bd. VII. Schriften I. Zum Theater. Frankfurt a.M. 1967. S. 1103 „Mit uns zieht die neue Zeit". Von der Begeisterung und Verführungskraft dieser Liedzeile. 1939

„ (...) erhielt ich Ihre freundlichen Zeilen mit dem liebenswerten Gedicht des Claudius-Nachfahren. Es spricht, ebenso wie der beigelegte Brief, von der schlichten Wahrhaftigkeit und Gemütswärme des Verfassers. Soweit sie auf mich zu beziehen ist, berührt sie mich herzlich, und ich bitte Sie, gelegentlich Herrn Claudius davon zu berichten."
Gerhart Hauptmann in einem Brief an Claudius' Freund Ludwig Roselius im April 1932

„Ein schwächliches, aufgeplustertes, selbstzufriedenes Halbtalentchen, ein Reimklempner von platter Moral."
Werner Bergengruen

 

Heimatverbundener Naturlyriker

Hermann Claudius ist seit seiner Kindheit geprägt von der Mentalität seiner Landsleute, von Lebensart, Brauchtum und Sprache in diesem urstormarnschen Raum. Neben seiner regionalen Verwurzelung kann die Nähe zum geistigen Milieu der Wandervogel-Bewegung als eine Leitlinie seiner Dichtung angesehen werden.

Am Anfang steht für Hermann Claudius das Erleben der Natur bei Wanderungen im Raum um Hamburg im Kreis von Gleichgesinnten. Das Umfeld der naturverbundenen und zivilisationskritischen Jugendbewegung schlägt sich in seinen Gedichten nieder: eigenständiger Ausdruck, Abkehr von hohlem Pathos, von großen Worten und unangemessenen Formen.

Claudius' Haltung ging einher mit der Idee der „Wandervogel"-Bewegung. Der Wunsch nach einem Leben in der Natur war kombiniert mit geistig-kultureller Betätigung und einer klassenlosen Solidarität. Darin äußerte sich zugleich Kritik an Erscheinungen des gesellschaftlichen Wandels der Moderne, an Konsum, Industrialisierung, Klassengesellschaft und preußischer Staatsmacht.

Man wollte nicht als „werdende Erwachsene" behandelt werden, vielmehr ging es den Wandervögeln um Distanz und Eigenständigkeit, um eine qualitative Jugendbewegung. Einige Punkte dieser Lebensweise waren der Verzicht auf Alkohol und Tabak, die Sparsamkeit, Kameradschaft, Vaterlandsliebe und das Auf-Fahrt-Gehen.

Hermann Claudius selbst hat mit einem Gedicht für eine prägende Formel der Jugendbewegung gesorgt. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs stimmen immer mehr Jugendliche sein Lied an:
Wann wir schreiten Seit' an Seit' und die alten Lieder singen und die Wälder widerklingen, fühlen wir, es muss gelingen: Mit uns zieht die neue Zeit.
Der Text, vertont von Michael Englert, wird die neue Hymne der Arbeiterjugend und der Wandervogel-Bewegung. In ihr trafen sich junge Leute, die in die Natur gingen - auf der Suche nach einem anderen, selbstbestimmten Leben.

Die politische Neutralität des Wandervogels hielt nicht lange stand. Der Enthusiasmus der Jugendbewegung konnte rasch ideologisch instrumentalisiert werden – von links und rechts. So „schreiten Seit' an Seit'" bald sowohl Sozialisten, Gewerkschaftler als auch Nationalsozialisten: Die Vision eines unpolitischen und naturverbundenen Lebens verschwand in den politischen Auseinandersetzungen der Weimarer Republik. Die konservative Kritik der Jugendbewegung erlag auch ihrer politischen Naivität.

vgl. Kahl, Heinrich: Hermann Claudius: Dichter und Lehrer in Hamburg (zu seinem 20. Todestag am 8. September 2000). In: Rundbrief des Freundeskreises der Gemsen 40/3

 

 Autor niederdeutscher Literatur

In seinem ganzen dichterischen Schaffen gibt es die Parallelität von hoch- und niederdeutschen Texten. Sein erstes Gedicht schrieb Claudius auf Plattdeutsch: ein Gedicht zum Brand des Hamburger Michel 1906. Es folgten viele weitere Verse, die 1912 gesammelt in seinem ersten Gedichtband „Mank Muern" (Zwischen Mauern) herauskamen und, wie Claudius selber meinte, „dem niederdeutschen Idiom ein neues Gebiet eroberten: die Großstadt. Wenn ich 1956 den Klaus- Groth-Preis erhielt, so bedeutet das im wesentlichen eine späte Anerkennung jener Tatsache."


So war Claudius z.B. in einer Anthologie neuer Großstadtdichtung „Um uns die Stadt", 1931 von Robert Seitz und Heinz Zucker herausgegeben, mit zwei Gedichten vertreten, die einzigen in Plattdeutsch. Diesen Band, der auch Gedichte von Bertolt Brecht, Johannes R. Becher, Max Herrmann-Neiße, Erich Kästner, Erich Mühsam, Joachim Ringelnatz und Kurt Tucholsky enthielt, setzten die Nationalsozialisten 1938 auf ihre „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums".

Claudius schreibt die meisten seiner Geschichten niederdeutsch. Sie markieren zudem den Beginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit. In der wöchentlichen Kolumne "Kott un lank vun de Waterkant" veröffentlichte er regelmäßig Storys aus dem Alltagsleben für die "Neue Hamburger Zeitung" (1909-1912). Diese Texte sind hier erstmalig wieder für die Öffentlichkeit zugänglich (Bibliografie/Kott un lank) und ein wichtiges Dokument für niederdeutsche Literatur.

 

Literat im NS-Staat

Das Führergedicht und die Folgen

Claudius war kein Mitglied der NSDAP, sondern der SPD.

Claudius war „nie ein weltanschaulich Festgelegter, nie ein dogmatisch Verblendeter, nie ein Rechthaber" (Gisela Claudius zitiert im Vorwort zu dem Band „Jeden Morgen geht die Sonne auf", 1985, Wilhelm Helmich). Eine Nähe zum Nationalsozialismus ist dennoch aus zwei Gründen festzustellen. Zum einen gab es in nationalkonservativen Kreisen eine Enttäuschung über die Sozialdemokratie der Weimarer Republik, zum anderen war Claudius dankbar für eine Förderung und Unterstützung durch die Nazis. Nach seiner krankheitsbedingten Pensionierung war Claudius ständig in Geldsorgen und lebte in bescheidenen Verhältnissen. Er war abhängig von Veröffentlichungen, um seine Familie zu ernähren. Dies ermöglichte ihm die NS-Kulturpolitik. Der Dichter wurde 1933 in die gesäuberte Preußische Akademie der Künste aufgenommen. Claudius passte sich an und ließ sich für die Zwecke der Nazi instrumentalisieren, um als Dichter überleben zu können. So gehörte er vermutlich auch zu den 88 Schriftstellern, die ein Treuegelöbnis für Adolf Hitler im Oktober 1933 unterzeichneten (das ist allerdings umstritten).

Doch hauptsächlich dieses Gedicht brachte Claudius den Ruf ein, „NS-Dichter" zu sein.
Herr Gott, steh dem Führer bei,
daß sein Werk das Deine sei,
daß Dein Werk das seine sei.
Herrgott steh dem Führer bei.
Herrgott steh uns allen bei,
daß sein Werk das Unsre sei.
Unser Werk das seine sei.
Herrgott steh uns allen bei.

„Claudius trägt mit seinen Werken zur Verbreitung der nationalsozialistischen Weltanschauung bei und preist darin das NS-Regime". (Lawrence D. Stokes: Der Eutiner Dichterkreis und der Nationalsozialismus 1936-1945. Neumünster 2001) Keine Darstellung des Lyrikers verzichtet auf dieses Gedicht als Beleg für seine Verstrickung in den Nationalsozialismus. Ein genauerer Blick auf den Kontext relativiert dieses pauschale Urteil:

Hermann Claudius erhält im Herbst 1938 vom „Amt Rosenberg" (Reichsleiter Alfred Rosenberg führte ein Amt für Kulturpolitik zur Überwachung der NS-Ideologie) die Aufforderung, sich zum 50. Geburtstag Hitlers (20.4.1939) mit einem Vers zu bekennen. Claudius lehnt ab, wird aber ein zweites Mal, diesmal schon drohend, dazu aufgefordert. In Sorge vor Maßregelungen der Gestapo, die Claudius bekannt waren, schreibt Claudius seinen Text und schickt ihn ab.

In einer ledergebundenen Prachtausgabe wird Hitler zu seinem 50. Geburtstag der Band übergeben, mit handgeschriebenen Texten zahlreicher Autoren. Neben Hitler erhalten die Autoren ein Belegexemplar.

Das Gedicht ist in Claudius' Gedichtband „Zuhause" 1940 abgedruckt. Der Verlag Langen-Müller stellt Claudius vor das Ultimatum, das Gedicht gegen seinen Wunsch mit aufzunehmen oder kein Papier für den Druck des Bandes zu erhalten. Claudius willigt ein.

Claudius selbst hat das Gedicht im Kontext anderer Gedichte in dem Band „Zuhause" als Gebet verstanden, da „hier der Absolutheitsanspruch des Führers in Konkurrenz mit der Allmacht Gottes tritt und dadurch relativiert wird, was in dem bangenden Unterton der Schlusszeile zum Ausdruck kommt". (Sarkowicz/Mentzer: Literatur in Nazi-Deutschland. Hamburg 2000. S. 128). In der Tradition kirchlicher Fürbitte für die Herrschenden ist der Text gerade keine Huldigung des Führers, sondern angesichts der Erfahrungen in NS-Deutschland eine Erinnerung an die Verpflichtung und Verantwortung einer Obrigkeit für das Volk im christlichen Sinne, eine offensichtlich „naive Frömmigkeit" (Sarkwowicz/Metzner).

 

Christ

Für den Dichter Claudius gilt: „Jedes Wort ist heilig".

Diese Heiligung ist nicht als Selbstlob literarischer Sprache zu verstehen, sondern ganz im Sinne des Evangeliums gemeint, das den Anfang in Gottes Wort setzt. Für Claudius ist die „Inbrunst des Wortes [...] das Geheimnis Gottes, da das Wort noch bei ihm war". Die göttliche Herkunft der Sprache sei „höher denn alle Umsicht und alle Klugheit und alle Bildung und alle Kultur der Menschen". Das bedeutet Trost und Mahnung zugleich, weil sich dadurch der Anspruch des modernen Menschen nach Selbstbestimmung und Selbstgestaltung relativiert.

Armselig Werk. Nicht einen Grashalm mögen wir wachsen machen mit all unser Kunst. (Meister Bertram, 1927)

Ebenso resultiert die Naturverbundenheit des „Wandervogels" Claudius nicht aus einem romantischen Pantheismus, sondern ist schöpfungstheologisch motiviert. Die Natur ist die Schöpfung Gottes und nur als solche fasziniert sie. In der Natur erlebt sich der Mensch als das, was er in diesem christlichen Sinne ist: ein Geschöpf Gottes.
Darum liebt und lobt Claudius den Tag, die Nacht, Frühling und Herbst, die Sonne, den Mond. Zu Tier und Pflanze hat er ein persönliches Verhältnis. Angesichts der Wunder der Natur übt sich der anschauende Mensch in Bescheidenheit.

„Ich glaube an einen ewigen Sinn aller Schöpfung und weiß, daß wir ihn niemals erfassen werden und nicht erfassen sollen. Es liegt aber ein Ahnden davon in unserer Seele, wenn wir danach in uns zu horchen wissen. Hier ruht der Urgrund alles menschlichen Schöpfertums und jedweder Kunst." (Ahnen und Heimat, 1933)

Hermann Claudius weiß sich als Christ getragen von seinem Glauben an Gott und die Erlösung durch Jesus Christus. Viele seiner Gedichte geben Ausdruck von einem tiefen Gottvertrauen, mit dem der Lyriker in der Welt steht, aber zu seinem Gott schaut.

Fuge

Ich will und muß dem einen Gott vertrauen,
der sich so tief in uns verborgen hält,
als wäre diese Welt nicht Seine Welt.

Ich will und muß auf Seine Weisheit bauen,
die sich mit unserer so sehr entzweit,
als wäre Seine Zeit nie unsere Zeit.

Und ob wir rückwärts, ob wir vorwärts schauen,
und ob uns Freude schüttelt oder Grauen:
Er war und ist. Und Er wird ewig sein.
Wir aber schreiten durch Ihn aus und ein.

 

Lehrer

Als Schüler besuchte Hermann Claudius die Volksschule in Hamburg-Eimsbüttel. Diese Schule war um die Jahrhundertwende bereits in starkem Maße von reformpädagogischen Ideen und Ansätzen geprägt, die die Qualität des hamburgischen Bildungswesens ausmachten. Reformpädagogik und die Wandervogel-Jugendbewegung hatten einen gemeinsamen geistigen Nenner: Freiheit und Unabhängigkeit standen gegen preußischen Drill, gegen leere Konvention und erstarrte Traditionen. Gegen verlogene Äußerlichkeiten setzt die moderne Jugend das ganzheitliche Leben und Erleben. Eigenständiges Leben äußert sich zugleich im Willen zu einem selbstständigen Lernen, einem Drang zu Wissen und Kultur.

Diesem Strom war Hermann Claudius nicht nur ausgesetzt, er war als junger Hamburger Lehrer selbst ein Aktivist dieser Bewegung. Er hatte in den Jugendjahren als Schüler und Seminarist am eigenen Leibe Kultur nicht nur erfahren, er war vielmehr so weit hineingewachsen in literarische, bildnerische und musikalische Aktivitäten, dass er neben seinem Lehrerberuf die Möglichkeit fand, Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges einen eigenwilligen, höchst originellen Gedichtband zu veröffentlichen, eine Sammlung plattdeutscher Lyrik unter dem Titel „Mank Muern" (Zwischen Mauern).

Über dreißig Jahre (von 1900 bis 1933) unterrichtet Hermann Claudius an über 10 Schulen in Hamburg (Liste unter Biografie 1878-1933), bevor er aufgrund eines Motorradunfalls mit 54 Jahren pensioniert wurde. Seine tägliche Erfahrung im Umgang mit seinen Schülern und den eigenen Kindern findet einen Niederschlag in Kindergedichten, den „Kinnerriemels". Sie geben Einblick in den geistigen Kontext des Pädagogen Claudius, der vor diesem Hintergrund seine ersten Gedichte schrieb.

 

Soldat

Hermann Claudius wird zwar wegen allgemeiner Körperschwäche als „Landsturm mit Waffe" gemustert, dennoch am 19.12.1914 gezogen und am 12.7.1915 zum Infanterie-Regiment nach Altona einberufen.

1914 veröffentlichte Claudius in dem Band „Hörst du nicht den Eisenschritt" noch einige Hymnen auf Vaterland, Krieg, Kameradschaft und Mobilmachung – analog zum Zeitgeist. Doch schon bald änderte sich seine Haltung.

Über die Zustände in der Kaserne schreibt er seiner Frau am 13.7.1915: „Das fade Gespenst des Militarismus steht mit schauderhaftem Gähnen über mir".
Im Oktober richtet er ein Gesuch an den Schulinspektor Meyer um Reklamierung vom Heeresdienst und Wiedereinstellung in den Schuldienst. Im November wird er aus dem Heeresdienst „zur Verfügung der Oberschulbehörde entlassen".

Im November 1916 erfolgt die erneute Einberufung. Sie soll Folge des Erscheinens seines Buches „Menschen" gewesen sein, in dem eine Reihe von Gedichten deutliche Kritik am Krieg üben. So wird im April 1917 vom stellvertretenden Generalkommando Altona ein disziplinarisches Vorgehen der vorgesetzten Schulbehörde gegen Claudius und Verbot seines Buches „Menschen" vorgeschlagen.
„Es läßt eine gerechte Würdigung der sittlichen Werte vermissen und stellt das Wesen des Krieges in entstellender Weise dar, so daß seine Verbreitung im allgemeinen Interesse nicht geduldet werden kann. Das Buch ist in mehreren Expl zu requirieren!"
Der Lyrikband konnte erst nach dem Krieg veröffentlicht werden, der Antrag eines Disziplinarverfahrens wird jedoch von der Oberschulbehörde schleppend behandelt. Aufgrund eines wohlwollenden Bericht des Schulrats Umlauf über Claudius und sein Buch „Menschen" werden disziplinarische Maßnahmen gegen Claudius letztlich abgelehnt, aber eine Reklamation seines Militärdienstes soll nicht erfolgen.

Dem Verfasser ist dichterische Begabung nicht abzusprechen. Das Erlebnis des großen Krieges hat ihn tief gepackt, aber er sieht nur das große Elend, das sinnlose Morden, das Sichzerfleischen der halben Menschheit und sucht die Bilder des Grauens ins Visionäre zu erheben. Das gelingt ihm in einigen Skizzen sehr gut, und auch den grotesken und sarkastischen Ton schlägt er gelegentlich nicht ohne Wirkung an. Vieles aber ist gesucht, gequält, gespreizt, gewollt dunkel. Einiges ist läppisch (S. 42 fg.). Das ganze wirkt in seiner Eintönigkeit ermüdend. Religiös oder vaterländisch ist das Werk gewiß nicht: aber ich erwarte von ihm auch nicht eine aufreizende oder flaumacherische Wirkung, dazu ist es zu unwirklich, phantastisch. Es ist nicht erwünscht, viele solcher Lehrer zu haben; als einzelne Erscheinung muß er ertragen werden. Veranlassung zu disziplinarischem Einschreiten bietet das Buch m.E. nicht.
Schulrat Umlauf am 10.4.1918

Im Januar 1917 wird Claudius an die Front in Nordfrankreich (Vaulx) verlegt. Hier lernt er Hans Grimm („Volk ohne Raum") kennen, der ihn später förderte. Diese Freundschaft verstärkte jedoch auch den Nazi-Verdacht.

Ab November 1917 ist er Kanonier im Stab Art. Komm 18 an der Ostfront (Wilna), wird aber im Dezember wieder zurück in den Westen (Elsass) verlegt. Erst das Ende des Krieges im November 1918 bedeutet auch für Claudius das Ende seiner Militärzeit. Er verzichtet auf den Erholungsurlaub, der ihm nach Rückkehr aus dem Heeresdienst eigentlich zusteht und tritt sofort seinen Schuldienst an.

 

Sozialdemokrat

In einem Brief an seinen Kriegskameraden und Freund Hans Grimm, der sich mit seinem Buch „Volk ohne Raum" politisch rechts außen positioniert, verteidigt Claudius 1928 den Klassenkampf gegen scharfe Worte seines Freundes: „Ich bin seit 11 Jahren Mitglied der SPD."

Doch auch ohne Parteibuch orientiert sich Claudius in seiner Jugend sozialdemokratisch und wird öffentlich dazugerechnet, spätestens seitdem die Arbeiterbewegung sein „Wanderlied" zu ihrer Hymne erklärt.

Der zunehmende Versuch der Nazis, die unpolitische Jugend auf ihre Seite zu ziehen, Heimatverbundenheit als Chauvinismus umzudeuten, macht auch vor Claudius nicht Halt. Vor allem kommt es zu Auseinandersetzungen mit seinem Freund Hans Grimm, der in Veröffentlichungen heftig gegen Linke polemisiert.

Im Streit über die SPD präzisiert Claudius am 28.9.1931 seine Position:

SPD hat hier in Hamburg Arbeiter-Wohnstätten und Schulen geschaffen, dazu die Wohlfahrtseinrichtungen, die mehr deutsches Heimatgefühl wecken als alle Tiraden Hitlers von deutschem Blute und der Übergeordnetheit des nordischen Typs (zu dem er selber nicht zählt!). Wenn die Nazi ihren großen Reden (...) Werke des Aufbaus folgen lassen, so sollen sie mir recht sein. Im Grunde ist´s gleich, wer´s macht. Nur muß es gemacht werden!

1932 veröffentlicht Grimm eine Gedichtanthologie „Meine geliebten Claudius-Gedichte". Claudius verfolgt die Rezensionen und zitiert in einem Brief an Grimm:

Das Naziblatt Hamburger Tageblatt enthielt eine herzhafte Empfehlung des Buches - „trotzdem der Verfasser Sozialdemokrat ist".

Mit dem Verbot der SPD nach Hitlers Machtergreifung endet auch Claudius Mitgliedschaft in der Partei, die er nach dem Krieg nicht wieder aufgreift. Gerade aus diesen Kreisen erfährt Claudius wegen seiner Nähe zu den Nationalsozialisten heftige Ablehnung und ist enttäuscht. Am 6.1.1946 schreibt er an Grimm:

Es sind die alten „Genossen" von der SPD Anno 1919, die mit Steinen auf mich werfen. Ich bin still und lasse die Zeit ihren ebbenden Einfluß üben.